Kann ich besser lernen, wenn ich gut geschlafen habe?

Wenn ich ausreichend geschlafen habe, sollte ich besser lernen können. Dies ist tatsächlich so. Wenn die Teilnehmer einer Studie zum Beispiel eine Woche lang zu kurz schliefen, konnten sie weniger gut lernen [58]. Woran liegt das? Zunächst verringert der Schlaf allgemein die Müdigkeit und verbessert die Wachheit. Wir können uns also besser über längere Zeiträume konzentrieren und lassen uns weniger leicht ablenken.

Doch es könnte noch einen spezielleren Grund geben, warum wir nach Schlaf besser lernen können. Nach der Theorie von Giulio Tononi und Chiara Cirelli aus Madison, Wisconsin, macht insbesondere der Tiefschlaf mit seinen langsamen Hirnwellen Platz in unserem Gedächtnis, damit wir am nächsten Tag besser neue Informationen lernen und abspeichern können [59]. Dabei gehen keine relevanten, sondern nur irrelevante Informationen verloren. Die Theorie liefert gleichzeitig eine Erklärung, warum unser Schlafbedürfnis ansteigt, je länger wir wach sind (siehe Frage Was bestimmt mein akutes Schlafbedürfnis? in Kapitel 1). Während wir wach sind, lernen wir ständig und füttern unsere Nervenzellen mit immer mehr Informationen. Würde das immer so weitergehen, wäre unser Gehirn irgendwann voll und könnte nichts Neues mehr lernen. Der Schlaf bzw. der Tiefschlaf ist deshalb dafür da, wieder Platz in unseren Nervenzellen für die Erinnerung an neue Erlebnisse zu schaffen. Unser Bedürfnis nach Schlaf ist damit eigentlich ein Bedürfnis, für unser Gedächtnis wieder Platz zu schaffen, und es wird umso größer, je länger wir wach sind und je mehr wir lernen. Und umso mehr Zeit verbringen wir

dann im Tiefschlaf. Die Theorie von Tononi und Cirelli ist bereits durch eine Vielzahl von Studien bestätigt worden [59]; sie ist aber auch umstritten [60].

Diese Idee hat sehr spannende Konsequenzen. Zum einen erklärt sie, warum wir nach ausreichend Schlaf besser lernen können: In unserem Gedächtnis ist wieder mehr Platz. Zum anderen bedeutet das auch, dass wir umso besser und tiefer schlafen, je mehr wir gelernt haben. Insbesondere für ältere Personen ist dies möglicherweise sehr relevant: Wer nur noch seinen Gewohnheiten nachgeht, lernt tagsüber nicht mehr viel Neues, was möglicherweise zu einem flacheren Schlaf führt. Wer aber bis ins hohe Alter mental aktiv bleibt und häufig neue Dinge ausprobiert und lernt, der sollte auch tiefer schlafen können und sich am nächsten Tag ausgeruhter fühlen und wiederum leichter Neues lernen können.

 
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