Verbessert Schlaf das Gedächtnis?

Ja. Nach mehr als 100 Jahren Forschung lässt sich diese Frage klar bejahen. Der Schlaf verbessert die Erinnerung an Informationen, die wir vor dem Schlaf gelernt haben. Dies konnte bereits im Jahr 1914 von der deutschen Forscherin Rosa Heine belegt werden [67]. Die amerikanischen Forscher John Jenkins und Karl Dallenbach fanden 1924 weiter heraus, dass die Dauer des Schlafs dabei keine große Rolle spielt: Die Versuchspersonen erinnerten sowohl nach einer, zwei, vier oder acht Stunden Schlaf mehr als nach einer vergleichbaren Zeit, die sie wach verbrachten [68].

Schlaf verbessert also das Gedächtnis. Dabei heißt verbessern nicht, dass wir nach dem Schlaf unbedingt besser sind als vorher. Sondern wir vergessen weniger, wenn wir nach dem Lernen schlafen, als wenn wir nach dem Lernen wach sind. Dieser Befund ist im Allgemeinen robust und konnte immer wieder bestätigt werden [69]. Dabei fördert Schlaf verschiedenste Erinnerungsformen: So verbessert er die Erinnerung an Wörter, Übersetzungen von Vokabeln, Inhalte von Texten sowie räumliche Informationen. Aber auch das Erlernen von Bewegungsabläufen, wie z. B. beim Sport oder Musizieren, wird gefördert, wenn wir nach dem Üben schlafen.

Warum verbessert Schlaf unser Gedächtnis? Hier sind sich die Forscherinnen nicht einig. Eine sehr plausible Erklärung ist, dass wir im Schlaf nur in einem sehr geringen Ausmaß neue Dinge lernen und auch viel weniger bewusste Gedanken haben als im Wachzustand. Durch diese Reduktion des Neulernens und des Bewusstseins wird die Abspeicherung von neuen Informationen in unseren Nervenzellen weniger gestört, und die neu gelernten Informationen werden in unserem Gedächtnis besser gespeichert. Der Schlaf reduziert also Interferenz (lateinisch: stören). Eine Reduktion störender Einflüsse erreichen wir aber auch ohne den Schlaf: So können bestimmte Medikamente [70] oder auch (viel) Alkohol [71] unser Neulernen und unser Bewusstsein verringern und damit ebenfalls die Speicherung von Erinnerung verbessern. Wenn ich mir allerdings diese Alternativen so anschaue, muss ich sagen, Schlaf ist davon eindeutig die gesündeste. Schlaf ist wahrscheinlich sogar die einzige natürliche Möglichkeit, unsere bewusste gedankliche Aktivität über Stunden hinweg zu unterdrücken und uns gleichzeitig zu erholen. Eine weitere wäre vielleicht die Langzeitmeditation. Allerdings schlafen Ungeübte dabei oft ein.

Die meisten Wissenschaftler gehen heute davon aus, dass Schlaf noch mehr zu unserem Gedächtnis beiträgt als nur das Ausschalten von störenden Einflüssen. Insbesondere der Tiefschlaf mit seinen langsamen Hirnwellen wird häufig mit Prozessen der Festigung von Erinnerung in Zusammenhang gebracht. So nehmen Tononi und Cirelli an, dass die langsamen Wellen im Schlaf Platz in unserem Gedächtnis schaffen, indem sie irrelevante Informationen abschwächen oder löschen (siehe Frage Verbessert Schlaf das Gedächtnis?) [59]. Die relevanten Informationen, d. h. die vor dem Schlaf gelernten, sollten nach dem Schlaf umso klarer hervortreten und so unser Gedächtnis verbessern.

Nach einer anderen Theorie, die von dem deutschen Schlafforscher Jan Born vertreten wird, werden neu gelernte Informationen während des Tiefschlafs aktiviert bzw. reaktiviert und durch die langsamen Wellen und die Schlafspindeln aktiv gestärkt und gefestigt [72]. Insbesondere die Abstimmung zwischen langsamen Hirnwellen und den Schlafspindeln spielt dabei eine wichtige Rolle. Unser Gehirn trainiert also im Schlaf intern weiter und wiederholt das Gelernte. Dadurch können wir uns nach dem Schlaf besser an das vorher Gelernte erinnern, als wenn wir wach gewesen wären. Und obwohl sich die beiden Theorien teilweise widersprechen, könnten sie auch beide zutreffen: So könnte der Tiefschlaf einerseits Platz schaffen und irrelevante Informationen löschen, während gleichzeitig einzelne neu gelernte Inhalte durch eine Reaktivierung im Schlaf gestärkt werden.

Insgesamt wird also der Tiefschlaf und möglicherweise auch der mitteltiefe Schlaf als besonders wichtig für die Festigung unserer Erinnerungen erachtet. Der REM-Schlaf scheint für diesen Prozess weniger wichtig zu sein. Er wird mittlerweile eher mit der Verarbeitung von emotionalen Erinnerungen oder der Kreativität in Verbindung gebracht (siehe Fragen Lasse ich mich nach Schlaf weniger stressen? und Erhöht Schlaf meine Kreativität?).

 
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