Sollte ich nach einem traumatischen Erlebnis schlafen?

Die Erinnerungen an einen Verkehrsunfall, einen Überfall, einen Terroranschlag, Gewalt oder Kriegserlebnisse können ganz plötzlich in unser Bewusstsein strömen. Zum Teil haben Patienten den Eindruck, von der Erinnerung komplett überrollt zu werden, und sie empfinden dabei große Angst. Diese unkontrollierten Erinnerungen an negative Erlebnisse werden als „intrusiv“ bezeichnet. Sie treten häufig bei Patienten mit einer posttraumatischen Belastungsstörung auf. Zusätzlich haben die Patienten meist einen gestörten Schlaf sowie Albträume, in denen Elemente des traumatischen Erlebnisses immer wieder vorkommen [85].

Nun habe ich gerade erklärt, dass Schlaf unsere Erinnerungen festigt. Wenn man also ein traumatisches Erlebnis hatte, das man eigentlich nicht erinnern will, sollte man dann weniger schlafen? Nein. Schlaf scheint im Gegenteil die Anzahl an unkontrollierbaren intrusiven Erinnerungen zu verringern. Wir haben dazu in Zürich zusammen mit der Psychologin Birgit Kleim eine Studie durchgeführt [86]. Gesunde Frauen mussten sich einen kurzen, emotional schwer ertragbaren Filmausschnitt anschauen, in dem es um eine Vergewaltigung in einer Unterführung ging. Während der folgenden Woche mussten die Probandinnen aufschreiben, wenn sie plötzlich die Erinnerung an Szenen aus dem Film überkam. Wenn sie nach dem Film eine Nacht geschlafen hatten, berichteten sie von einer geringeren Anzahl und von weniger belastenden Erinnerungen, als wenn sie nach dem Film eine Nacht oder einen Tag wach geblieben waren. Eine ähnlich verringerte Wirkung trat auch bei einem Mittagsschlaf nach dem Film auf [87]. Umgekehrt führte Schlafentzug nach einem emotionalen Film zu mehr unkontrollierten Erinnerungen [88]. Allerdings wurden alle diese Studien mit gesunden Personen durchgeführt. Eine einzige Studie hat bisher den Schlaf nach einem echten traumatischen Erlebnis untersucht: Hier wurden über 80 Patienten befragt, die gerade einen Unfall hinter sich hatten und in die Notfallstation eingeliefert wurden [89]. Wenn sie nach dem Unfall sehr schlecht schliefen, hatten sie später mehr traumatische Erinnerungen an ihren Unfall. Aber auch wenn sie sehr lange schliefen, kam es zu belastenden Erinnerungen. Am wenigsten traumatische Erinnerungen traten bei einer mittleren Schlafdauer auf.

Insgesamt verhindert ein ausreichender Schlaf nach traumatischen Erlebnissen eher das Entstehen von belastenden Erinnerungen. Eine Erklärung könnte sein, dass der Schlaf dazu beiträgt, die Erinnerung „richtig“ abzuspeichern. Denn normalerweise sind unsere Erinnerungen ja recht gut kontrollierbar. Traumatische Erlebnisse sind dagegen so emotional und schrecklich, dass sie möglicherweise getrennt von unseren sonstigen Erinnerungen abgespeichert und häufig verdrängt und unterdrückt werden. Ausreichend Schlaf könnte dann dazu beitragen, diese getrennte Speicherung aufzuheben und die Informationen wie normale Erinnerungen in unserem Gedächtnis abzulegen. Damit wären sie zwar ebenfalls gefestigt, aber weniger belastend und weniger unkontrollierbar.

Schlafstörungen nach traumatischen Erlebnissen sollten deshalb zügig behandelt werden, um die Entstehung von intrusiven Erinnerungen durch einen gestörten Schlaf zu verhindern. Es kann sogar sinnvoll sein, den Schlaf nach traumatischen Erlebnissen kurzfristig durch Schlafmittel zu fördern. Langfristig gilt aber weiterhin die Empfehlung, den Schlaf mit psychotherapeutischen Methoden zu verbessern. Auch die Albträume können mit Psychotherapie reduziert werden. Ich vermute, dass durch eine gezielte Verbesserung des Schlafs nach einem traumatischen Erlebnis das Risiko für die Entwicklung einer posttraumatischen Belastungsstörung reduziert werden kann. Dies ist aber bislang noch nicht systematisch untersucht worden.

 
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