Kann ich im Schlaf vergessen?

Es gibt mehrere Ideen, wie Schlaf zum Vergessen beitragen könnte. So haben die Nobelpreisträger Francis Crick und Graeme Mitchison im Jahr 1983 vorgeschlagen, dass REM-Schlaf eine zentrale Rolle im Vergessen von Erinnerungen spielt [90]. Die Schlafforscherin Gina Poe griff diese Idee 2017 wieder auf [91]. Doch auch der Tiefschlaf mit den charakteristischen langsamen Gehirnwellen soll in Vergessensprozesse involviert sein [92]. Wie kann der Schlaf, der doch zunächst einmal Erinnerungen festigt, gleichzeitig für das Vergessen wichtig sein?

Das Vergessen bezieht sich in den obigen Fällen meist auf irrelevante Inhalte, die wir während des Tages aufnehmen. Wie bereits in der Frage zu relevanten Erinnerungen und Schlaf beschrieben, scheint allerdings die Auswahl zwischen relevanten und irrelevanten Informationen meist schon im Wachzustand zu geschehen. Es gibt bislang nur vereinzelte Studien, die auf eine spezielle Funktion des Schlafs für das Vergessen hinweisen [93]. Indirekte Hinweise zur Löschung von irrelevanten Informationen im Tiefschlaf basieren auf der Theorie, dass der Schlaf Platz für neue Informationen im Gedächtnis schafft [59]. Und aus den Ergebnissen einer Tierstudie schließen die Autoren, dass Tiefschlaf gleichzeitig bestimmte Erinnerungen festigt und andere vergessen lässt, und zwar nach Abhängigkeit der Größe der langsamen Wellen: Eine kleine Welle würde eher Vergessen fördern, eine große dagegen relevante Erinnerungen speichern [94]. Diese Idee muss aber noch in zukünftigen Studien bestätigt werden. Ein weiterer spannender Ansatz ist, das Vergessen im Tiefschlaf gezielt zu beeinflussen: Teilnehmerinnen einer Studie lernten im Wachzustand, dass sie bei einem Ton versuchen sollten, bestimmte Wörter einer Liste zu vergessen. Dieser „Vergessenston“ wurde dann leise im

Schlaf abgespielt, zusammen mit Geräuschen, die mit einer anderen Lernaufgabe zusammenhingen (Lernen von Anordnungen von Bildern). Am nächsten Morgen hatten die Probanden die Anordnung der Bilder, deren Geräusche sie im Schlaf zusammen mit dem „Vergessenston“ gehört hatten, stärker vergessen als solche, die im Schlaf nicht abgespielt wurden. Dieses Ergebnismuster wurde aktuell in einer unabhängigen Studie bestätigt [95]. Wenn wir also im Schlaf gezielt bestimmte Dinge vergessen könnten, lägen darin natürlich interessante Möglichkeiten. Doch auch hier braucht es noch weitere Studien, um diese Technik wirklich anwenden zu können.

Die Forschungsergebnisse weisen zwar insgesamt darauf hin, dass im Tiefschlaf sowohl Festigung als auch Vergessen von Erinnerungen möglich sind, doch ist die Ergebnislage noch zu dünn, um dies wirklich als bestätigt ansehen zu können. Für das Vergessen im REM-Schlaf gibt es dagegen noch weniger einheitliche Befunde. Die Rolle des Schlafs für das Vergessen muss also noch weiter erforscht werden.

 
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