Kann ich nach dem Schlaf bessere Entscheidungen treffen?

„Schlaf einmal eine Nacht drüber!“ - Große und komplexe Entscheidungen wie den Kauf eines Hauses oder den Beginn eines Studiengangs sollte man nicht voreilig treffen. Einige Forscher nehmen an, dass unser Gehirn weiter unbewusst über Entscheidungen nachdenkt, nachdem wir uns über verschiedene Entscheidungsmöglichkeiten informiert haben [107]. In dieser Zeit machen wir am besten etwas völlig anderes. Danach können wir leichter zwischen den verschiedenen Alternativen wählen und eine bessere Entscheidung treffen. Allerdings kritisieren andere wiederum die Idee des „unbewussten Weiterdenkens“ [108]. Denn nur ein Teil der Studien findet Vorteile für Entscheidungen, vor denen man eine Zeit lang etwas anderes getan hat. In anderen Studien kommen die Probanden zu ähnlich guten Entscheidungen, wenn sie sich sofort entscheiden müssen.

Könnte der Schlaf tatsächlich helfen, unsere Entscheidungen zu verbessern? Dazu gibt es meines Wissens keine Studien. Auch dazu nicht, ob wir mit unseren Entscheidungen langfristig zufriedener sind, wenn wir noch einmal darüber geschlafen haben. Denn gerade bei persönlichen Entscheidungen, welche die eigene Zukunft betreffen, ist es ja oft gar nicht feststellbar, was objektiv die bessere Entscheidung gewesen wäre.

Es gibt jedoch eine Reihe von Studien, die einen Zusammenhang zwischen Schlaf und risikoreichem Entscheidungsverhalten feststellen. So fällen Jugendliche, die nicht ausreichend schlafen, risikoreichere Entscheidungen [109]. Dies trifft für die verschiedensten Arten von Entscheidungen zu, wie z. B. Konsum von Drogen, Alkohol und Zigaretten, gefährliches Fahrverhalten sowie risikoreiches Sexualverhalten. Auch Erwachsene gehen in ihren Entscheidungen eher ein größeres Risiko ein, wenn sie nicht oder zu kurz geschlafen haben [110]. Eine mögliche Ursache könnte sein, dass Schlaf besonders wichtig für unsere mentale Kontrolle bzw. Selbstdisziplin ist. Ohne ausreichenden Schlaf können wir daher unsere Impulse schlechter kontrollieren, und wir gehen größere Risiken ein. In einer Studie des Zürcher Neurologen Christian Baumann führte eine Woche mit nur fünf Stunden Schlaf pro Nacht zu einem stark erhöhten Risikoverhalten in einem finanziellen Risikospiel [111]. Regelmäßig zu wenig Schlaf kann also dazu führen, dass wir wesentlich höhere Risiken eingehen, und das hat Konsequenzen: Gerade Politiker verhandeln häufig bis spät in die Nacht, bis ein Kompromiss gefunden wird. Bei dem chronischen Schlafdefizit könnten also die Entscheidungen unserer Politiker viel zu risikoreich sein - und das, obwohl diese Entscheidungen weitreichende Konsequenzen für die ganze Bevölkerung haben. Gleichzeitig setzen sich am Ende möglicherweise einfach die Personen durch, die mit weniger Schlaf auskommen oder besser mit dem Schlafdefizit umgehen können. Ein bisschen mehr Schlaf und eine definitive Begrenzung der Sitzungsdauer könnten deshalb helfen, einige politische Entscheidungen zu verbessern.

 
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