Kann ich im Schlaf Probleme besser lösen?

Es gibt mehrere anekdotische Berichte, dass wir im Schlaf besser Probleme lösen können. So soll der Nobelpreisträger Otto Loewi beim Aufwachen die entscheidende Idee zur Neurotransmission gefunden haben. Auch Dimitrij Mendelejew, der Mitbegründer des chemischen Periodensystems, berichtete von Inspirationen aus einem Traum. Und der Chemiker Auguste Kekule träumte erst von zwei sich in den Schwanz beißenden Schlangen, bevor er die kreisförmige Struktur des Benzolrings beschrieb. Natürlich können wir Träume als Inspirationen für bestimmte Problemlösungen benutzen, aber heißt dies wirklich, dass der Schlaf uns aktiv beim Lösen von Problemen unterstützt?

Eine sehr bekannte Untersuchung bestätigt tatsächlich, dass Schlafen das Lösen von Problemen fördert. Der deutsche Schlafforscher Ulrich Wagner berichtete, dass 60 % der Probanden eine versteckte Rechenregel fanden, die ihnen die Lösung von Rechenaufgaben stark vereinfachte [112]. Dies trat aber nur auf, wenn sie nach den ersten Rechenversuchen eine Nacht geschlafen hatten. Blieben die Probanden den Tag oder die Nacht über wach, kamen nur 20 % von ihnen auf die Lösung. Auch in anderen Studien wurde berichtet, dass Schlafen das Lösen von Problemen erleichtert [113]. Die Fähigkeit zur Problemlösung soll sich sogar verbessern, wenn nachts während des Schlafs leise Geräusche gespielt werden, die die Rätsel im Schlaf reaktivieren [114].

Allerdings gibt es auch gegenteilige Befunde. So fand man bei älteren Menschen keinerlei Hinweise auf eine Förderung des Problemlösens durch Schlaf [115]. Und auch bei jungen Erwachsenen konnte keine positive Wirkung auf das Lösen von klassischen Problemlöseaufgaben oder das Durchschauen von magischen Tricks gefunden werden [116]. Das Lösen von logischen Rätseln oder Anagrammen blieb ebenfalls vom Schlaf unbeeinflusst [117]. Es zeigte sich vielmehr, dass ein zeitlicher Abstand und das „Loslassen“ und Wiederaufnehmen der Aufgabe zur besseren Problemlösung führte [118].

Es bestehen also berechtigte Zweifel, dass der Schlaf aktiv zur Lösung von Problemen beiträgt. Es könnte sein, dass unser Gehirn einfach Zeit braucht, um auf eine Lösung zu kommen. Deshalb: Problem weglegen und ruhen lassen. Wenn wir uns dann wieder dransetzen, fällt uns die Lösung vielleicht leichter ein. Ob wir in der Zwischenzeit wach sind oder schlafen, ist wahrscheinlich nicht so wichtig.

 
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