Erhöht Schlaf meine Kreativität?

Träume haben viele Künstler inspiriert [119]. Sehr bekannt sind Bilder des Malers Salvador Dali, z. B. sein Bild „Traum“. Dali nutzte gerade die häufigen Träume beim Einschlafen aktiv für seine Motive, seine Kreativität. Angeblich habe er beim Einschlafen einen Schlüssel in der Hand gehalten, um gleich wieder geweckt zu werden, wenn dieser herunterfiel. So konnte er viele Traumeindrücke erinnern und für seine Bilder verwenden. Doch auch in anderen Bereichen wie Design, Architektur und Musik scheinen Traumbilder Inspirationsquellen zu sein. So soll Paul McCartney von den Beatles das Lied „Yesterday“ vorher geträumt haben. Auch einzelne Szenen aus Büchern wie „Frankenstein“ oder „Der merkwürdige Fall von Dr. Jekyll und Mr. Hyde“ sind angeblich von Träumen beeinflusst worden.

Trägt der Schlaf auch abgesehen von Träumen zu unserer Kreativität bei? Zum einen basiert Kreativität unter anderem auf dem Erinnern der Fragestellung und ihren verschiedenen Aspekten. Insofern könnte der

Schlaf allein durch die Förderung unseres Gedächtnisses eine verbesserte Kreativität ermöglichen. Die Schlafforscherin Penny Lewis geht noch weiter: Sie geht davon aus, dass die Abfolge der Nicht-REM- und REM-Schlafstadien aktiv am Finden von kreativen Lösungen beteiligt ist [120]. Sie nimmt an, dass unsere Erinnerungen im Tiefschlaf reaktiviert werden. Durch dieses innere Wiederholen können wir leichter abstrahieren und übergeordnete Regeln und Strukturen in der Aufgabenstellung erkennen. Im nachfolgenden REM-Schlaf werden auch weiter entfernte Assoziationen mit aktiviert, und es erfolgt eine kreative Neustrukturierung der Aufgabe. In diesem Sinne würde der Schlaf - auch unabhängig von Traumerinnerungen - unsere Kreativität fördern. Allerdings muss dieses Modell erst noch durch Studien und Daten belegt werden.

Sollte ich nach einer Therapie- oder Coaching-Sitzung schlafen gehen?

Unbedingt, möchte ich sagen. Meistens lernen wir in einer Therapie- oder Coaching-Sitzung Neues. Alte Ansichten werden infrage gestellt und Glaubenssätze hinterfragt. Patienten oder Klienten werden mit neuen oder anderen Meinungen konfrontiert und lernen neue Verhaltensweisen oder Arten zu denken. All dies muss zunächst in unserem Gehirn im Gedächtnisspeicher verankert und gefestigt werden. Da könnte der Schlaf oder auch ein Nickerchen nach einer solchen Sitzung durchaus helfen. Leider gibt es nur wenige Untersuchungen, inwieweit Schlaf nach Therapie oder Coaching den Therapieerfolg verbessert. Wir haben selbst einige Studien mit Spinnen-Phobikern durchgeführt, zusammen mit der klinischen Psychologin Birgit Kleim [121]. Dabei zeigte sich, dass ein Mittagsschlaf nach einer Therapiesitzung die Angst der Patienten vor Spinnen weiter reduzieren konnte. Dieser positive Effekt des Schlafs trat aber nur auf, wenn die Therapie die Angst vor Spinnen nicht selbst schon stark reduziert hatte [122]. Außerdem ergaben sich in einem Training zur psychotherapeutischen Veränderung von Denkmustern keine zusätzlichen positiven Effekte durch einen Mittagsschlaf nach der Sitzung [87]. Hier handelte es sich allerdings nicht um Patienten, sondern um gesunde Versuchspersonen. Inwieweit sich die positiven Effekte des Schlafs auf den Therapieerfolg bei Spinnen-Phobikern auch auf andere Therapie- oder Coaching-Bereiche übertragen lassen, ist also noch nicht geklärt.

 
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