Ist nicht an Gott glauben auch eine Religion?

Nelly stolpert. Sie ist vom Weg abgekommen und irrt im Wald herum. Es ist Sommer und sie ist mit ihrer Familie im Urlaub. Die Tage auf dem Bauernhof sind schön. Ihr Bruder ist den ganzen Tag mit dem Bauern im Stall und auf den Feldern unterwegs. Nelly kümmert sich ab und zu um die Pferde. Aber heute Nachmittag wollte sie sich einfach mal umschauen. Sie hat nicht viel nachgedacht, als sie losgegangen ist. »Mama und Papa lesen, mein Bruder ist weg«, dachte sie und ist einfach umhergestreift, ohne Ziel. Jetzt hat sie der Wald verschluckt.

Im Wald verlaufen

Als Nelly bewusst wird, dass sie sich verlaufen hat, schaut sie nach oben. Das Licht dringt nur mühsam durch das Blätterdach aus Buchen und Eichen. »Unten ist es dunkel, oben ist es hell«, denkt Nelly. Wenn sie den Blick geradeaus richtet, sieht sie einen hellen Fleck. »Dorthin muss ich, da ist Licht.« Ihre Beine sind schwer, Nelly hat Angst. Ohne Eltern macht es keinen Spaß, im Wald unterwegs zu sein. Ihre Mutter hatte ihr noch gesagt, nicht vom Hof zu gehen, ohne Bescheid zu sagen. »Jetzt habe ich den Salat!« Nellys Atem geht schwer. Das Springkraut ist fast so groß wie sie selbst, die Brombeeren kratzen und versperren den direkten Weg zur Lichtung. Sie muss einen Umweg machen. Gerade als sie um den Brombeerenverhau herumgelaufen ist und auf die Lichtung schaut, sieht sie noch ein Reh mit zwei Kitzen davonspringen. »Die haben Angst vor mir«, denkt sie. Die drei Tiere standen wohl auf der Lichtung und haben Nelly kommen hören. Oder sie haben Nelly gerochen. Jetzt sind sie weg. Für einen Moment hat Nelly beim Anblick der Tiere ihre Angst vergessen, so gebannt war sie. Die Rehgeiß ist zuerst gesprungen. In hohen Bögen lief sie davon, hinein ins nächstgelegene Gebüsch im Wald. Ihre beiden Kitze rannten hinterher, haben sich aber noch einmal nach Nelly umgeschaut. Als ob sie ihr sagen wollten, dass sie hoffentlich auch bald wieder bei ihren Eltern ist.

Nelly findet den Gedanken lustig, dass Rehe sich Sorgen um sie machen könnten. »Das ist Blödsinn«, hört sie ihren Vater in Gedanken sagen. »Rehe machen sich keine Sorgen. Sie folgen ihren Instinkten und wollen einfach am Leben bleiben.« Wenn ihr Vater jetzt nur da wäre.

Eine Überraschung auf der Lichtung

Nelly stapft zur Lichtung. Sie tritt aus dem Wald heraus. Als sie den Blick hebt, muss sie staunen. Mitten auf der Lichtung, in weiches Abendlicht getaucht, steht eine alte Kapelle. Die ist klein und offen. Sie hat gar keine Türe. Sie steht einfach da, ganz ruhig. Als wollte sie sagen: »Komm rein und erzähle mir was.« Nelly staunt immer noch. Schon hat sie die Wurzeln, die Brombeeren und die Rehe vergessen. Warum steht hier mitten im Wald so ein Haus?

Sie tritt näher. Die Kapelle ist wirklich klein und unscheinbar. Ihre weiße Wand ist schon etwas grau-grün von Flechten. Das Dach ist bemoost. Ein kleiner Turm, gerade groß genug für einen Eulenansitz, ziert das Dach. Ganz oben drauf ist ein Kreuz. Nelly geht einmal ganz drum herum. Schon hat sie die Zeit vergessen und auch, dass sie eigentlich den Weg zum Ferienhof sucht. Vorsichtig betritt sie die Kapelle. »Es gibt ja keine Türe, also kann ich da auch reingehen«, sagt sie leise zu sich. Aber es ist ihr auch ein wenig unheimlich, weil es drinnen ganz dunkel ist. Nur ein länglicher Schlitz gegenüber vom Eingang lässt Licht in den Raum.

Es dauert, bis sich Nellys Augen an die Dunkelheit gewöhnt haben. Sie bemerkt, dass es langsam kälter wird. Ein leichter Luftzug zieht in die Kapelle. Jetzt erkennt sie vier Bänke, auf jeder Seite zwei. Vorne in der Mitte steht ein Tisch. Ein kleines brennendes Kerzchen steht darauf und wirft ein flackerndes, rotes Licht. Nelly erkennt auch ein Kreuz. Die Zeit steht für sie immer noch still. Gedanken schießen ihr durch den Kopf: Wie sie gestern vom Pferd gefallen ist. Ihr zwei Jahre älterer Bruder, der sie abends geärgert hat. Das Gespräch ihrer Eltern, die darüber gesprochen haben, den Urlaub zu verlängern. »Ich fühle mich hier wie im Himmel«, hat ihre Mutter gesagt. Nelly hat das gewundert, denn ihre Eltern glauben nicht, dass es Gott gibt. »Woher will meine Mutter wissen, wie es im Himmel ist?« Nellys Zeit steht immer noch still. Sie steht da, jetzt etwas fröstelnd, schaut in die Kapelle und träumt vor sich hin.

»Nelly! Neeellly! Neeeeellllyyyyy!« Laute Rufe reißen sie aus ihrem Tagtraum. Nelly ist plötzlich hellwach. »Oje, meine Eltern! Sie sind bestimmt sauer, weil ich vom Hof weggelaufen bin«, denkt sie für einen kurzen Moment. Aber sie freut sich auch: »Zum Glück, sie haben mich gefunden!« Noch können ihre Eltern sie nicht sehen. Nelly schreit: »Ich bin hier!«

Gefunden

Völlig außer Atem, verschwitzt und ziemlich sauer kommen ihre Eltern in die Kapelle gestolpert. »Was machst du hier an diesem ...«, vor lauter Aufregung fällt ihrem Vater das Wort »Kapelle« nicht ein. »Weißt du, wie lange wir nach dir gesucht haben! Warum gehst du einfach weg? Wir haben uns furchtbare Sorgen gemacht!«

»Ich bin froh, dass du da bist, mein Liebes«, sagt ihre Mutter. »Gott sei Dank ist dir nichts passiert.«

»Schon wieder Gott«, denkt Nelly. Sie sagt: »Ich habe mir nichts weiter dabei gedacht und bin vom Hof gelaufen. Dann bin ich zufällig hierhergekommen und habe auch noch die Zeit vergessen. Stellt euch vor, da waren Rehe!«

»Schön, schön«, sagt ihr Vater. »Aber weißt du, wie spät es ist? Wir müssen zurück, bevor es ganz dunkel wird.« Jetzt erst schaut er in die Kapelle und sieht das rote Kerzenlicht. »Jemand hat vergessen, die Kerze auszumachen.«

»Das glaube ich nicht«, sagt ihre Mutter. »Aber lass uns jetzt wirklich zurückgehen. Es wird dunkel.«

Der Rückweg ist einfach. Ein richtiger Weg, der mehr oder weniger direkt zum Hof führt. Nelly staunt, was für einen Umweg sie gemacht haben muss, um zur Kapelle zu kommen.

Am Anfang schweigen ihre Eltern. Dann fragt ihre Mutter: »Wolltest du zu dieser Kapelle?«

»Nein. Wie gesagt: Ich habe mich vergessen und einfach rumgetrödelt. Dabei bin ich vom Weg abgekommen, an Brombeeren vorbeigegangen und habe mich verlaufen. Dann habe ich die Lichtung gesehen und dachte, dass ich da vielleicht den Weg wiederfinde. Da stand dann die Kapelle.« Ihre Mutter nickt, ihr Vater läuft einige Meter vor den beiden.

»Mama. Warum gehen wir nicht in die Kirche?«

»Warum fragst du?«, fragt ihre Mutter zurück.

»Ich fand es in der Kapelle so schön beruhigend«, meint Nelly.

»Dein Papa und ich glauben nicht an Gott. Wir sind auch keine Christen.«

»Dürfen nur Christen in die Kirche?«

»Das weiß ich nicht. Ich glaube schon, dass da alle reindürfen. Aber Christen haben Rituale. Sie feiern sonntags den Tod und die Auferstehung von Jesus Christus, sie sprechen das Vaterunser und sie lieben ihre Gemeinschaft. Das ist eine Religion.«

Nelly geht eine ganze Weile neben ihrer Mutter her. Inzwischen ist es fast dunkel. Vorne läuft ihr Vater. Das Knirschen der Steinchen unter ihren Schuhen macht einen eigenen Rhythmus. Nelly überlegt, ob das schon Musik ist.

»Papa, du, mein Bruder und ich, wir sind auch eine Gemeinschaft. Wir haben uns auch lieb. Sind wir eine Religion?« Ihre Mutter muss lachen. »Du bist süß. Eine Religion sind wir nicht. Wir haben ja auch keine. Eine Religion braucht einen Gott oder etwas, woran die Menschen glauben. Papa und ich sind uns aber sicher, dass es dieses Etwas nicht gibt.«

Neue Fragen und Gedanken

Jetzt ist es nicht mehr weit bis zum Hof. Nelly denkt über die Antwort ihrer Mutter nach. Seltsamerweise muss sie jetzt auch wieder an die Rehe denken und daran, was das junge Kitz wohl gedacht hat, als es sie angeschaut hat.

»Mama, machst du dir oft Sorgen um mich?« Ihre Mutter bleibt stehen und schaut Nelly in die Augen. Jedenfalls glaubt Nelly das, denn es ist dunkel und sie kann es nicht genau erkennen. »Warum fragst du das? Geht es dir nicht gut?« Ihre Mutter hat jetzt eine sehr besorgte Stimme.

»Wenn es nichts Höheres gibt, dann haben wir nur uns. Dann muss die Liebe ganz von dir und Papa kommen.«

Jetzt geht ihre Mutter weiter. »Das Ewige Licht in der Kapelle«, denkt sie, »es verbindet uns mit der Ewigkeit. Vielleicht kommen die Fragen meiner Tochter daher.« Sie schweigt. Sie kann nur die Schritte ihres Mannes hören, sehen kann sie ihn nicht. Nelly geht neben ihr. Sie schweigen zusammen. »Ist Nelly religiös?«, fragt sich ihre Mutter.

Jetzt hören sie das Knirschen von Kieselsteinen. Ihr Papa ist schon im Hof und öffnet die Tür zur Ferienwohnung. Nelly und ihre Mutter schauen sich im Licht, das durch das Fenster fällt, an. Beiden ist klar, dass sie noch viele wichtige Fragen besprechen müssen.

ZUM WEITERDENKEN UND WEITERFRAGEN:

  • O Male ein Bild mit Nelly und der Kapelle.
  • O Welche Fragen könnte Nelly ihrer Mutter noch stellen? Hast du Antworten?
  • O Was gehört zu einer Religion dazu?
  • O Ist Nelly durch ihre Erfahrung im Wald religiös geworden?

Helga Kohler-Spiegel

 
Quelle
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