Was bedeutet es, jüdisch zu sein?

Auf dieser Welt gibt es alles in Vielfalt. Die Länder der Erde unterscheiden sich, jeder Mensch ist einzigartig und keiner gleicht dem anderen. Auch bei den Religionen ist das so: Es gibt ganz verschiedene. Vom Judentum hast du bestimmt schon gehört. Aber was bedeutet das eigentlich genau? Ist das Judentum nur eine Art, an Gott zu glauben? Sind Juden eine Nation mit gemeinsamer Geschichte und Kultur, die über die ganze Welt verstreut ist? Ist Jüdischsein eine Sprache oder geht es um bestimmte Bräuche? Die Antwort kommt auf die Person an, die du fragst.

Was Schaindel aus Kanada dir antworten würde

Für Schaindel, ein religiöses Mädchen aus Montreal in Kanada, ist das Judentum ein Glaube, eine Religion und eine Lebensart. Sie geht auf eine Mädchenschule, wo sie die meiste Zeit die heiligen Bücher der jüdischen Religion liest und aus ihnen lernt. Dabei liest sie den Chumasch (das ist ein hebräisches Wort für »fünf« und bedeutet Pentateuch: die fünf Bücher von Moses), Texte von den Propheten Jesaja, Jeremiah und Ezechiel oder andere heilige Schriften, wie Psalmen, die Sprichwörter oder das Buch Esther. Schaindel liest die Bücher auf Hebräisch, aber die Lehrer in ihrer Schule sprechen

Englisch und Jiddisch, so wie bei ihr zu Hause. Jiddisch ist eine Sprache, die ähnlich wie Deutsch ist. Aber in der Öffentlichkeit sprechen in Montreal alle Französisch.

Schaindel lernt auch Dinim; das sind Gesetze, die regeln, wie eine religiöse Jüdin täglich leben soll. Ein Beispiel dafür ist, koscher zu leben. Das heißt, dass Schaindel kein Schweinefleisch und keine Meeresfrüchte isst und dass das Fleisch sehr sorgfältig zubereitet wird. Dazu gehört auch, dass alles Blut von dem Fleisch entfernt wird, da es verboten ist, dass Juden Blut essen.

Eine andere Sitte ist es, den Schabbes oder Schabbat zu beachten. Dabei darf Schaindel freitags von Sonnenuntergang bis samstags zum Beginn der Nacht kein Auto und keinen Bus benutzen, kein Geld ausgeben oder einkaufen gehen; sie darf auch keine E-Mails checken oder mit Freunden am Telefon reden. Denn alles das wäre Arbeit oder Mühe, die am Schabbes nicht erlaubt ist. Schabbes ist ein friedlicher Tag für Zeit mit Familie und Freunden, gemeinsam spazieren zu gehen, zu essen, zu reden, in einer Synagoge zu beten und von allen Aktivitäten der Woche auszuruhen. An Schabbes erinnern sich Juden daran, dass auch Gott sich am siebten Tag nach einer anstrengenden Woche, in der er die Welt erschaffen hatte, ausgeruht hat.

Und wie lebt Meir aus Israel?

Meir lebt in Tel Aviv, der größten Stadt in Israel, und er lebt ein ganz anderes Leben als Schaindel. Meirs Familie spricht Hebräisch, wie alle anderen in Tel Aviv. Meir ist sehr interessiert an Computern und er besucht eine Schule, an der man lernen kann, Computerprogramme zu schreiben. Er will später an einer Universität studieren, um Computerexperte zu werden. Aber bevor er an dieser Universität studieren kann, muss er drei Jahre im israelischen Militär dienen.

Meirs Plan ist es, auch im Militär mit Computern zu arbeiten und dort neue Fähigkeiten für das Programmieren zu lernen.

In Meirs Schule gibt es auch Fächer wie Erdkunde, Geschichte, Mathe, Chemie und Literatur. Die Bücher, aus denen er lernt, sind von berühmten Schriftstellern und Dichtern aus Israel. Bücher aus der ganzen Welt wurden auf Hebräisch übersetzt, damit er und seine Klassenkameraden auch mit diesen Büchern lernen können. Die fünf Bücher von Moses werden nicht an seiner Schule unterrichtet, weil die Menschen in seiner Nachbarschaft nicht religiös sind.

Samstags haben Meir und seine Familie frei und sie müssen nicht arbeiten oder lernen. Dann gehen sie ins Kino, an den Strand mit Freunden, zum Wandern oder machen andere Freizeitaktivitäten. Sie wissen, dass es Juden in Israel gibt, die ein religiöses Leben führen. Meir und seine Familie gehören aber nicht dazu. Sie sind Israeli und sprechen Hebräisch und kennen die Geschichte ihres Landes, aber sie fühlen sich nicht mit den Juden in anderen Teilen der Welt verbunden.

Sam vom anderen Ende der Welt

Sam lebt in Australien, wo sie auf eine öffentliche Schule geht. Sams Urgroßvater ist aus Russland nach Melbourne ausgewandert, aber Sams Familie kann die Sprachen Russisch und Jiddisch, die Sams Urgroßvater sprechen konnte, nicht mehr. Sie reden zu Hause Englisch, so wie alle um sie herum. Sam geht für vier Stunden die Woche auf eine jüdische Chabad-Schule, in der sie die jüdische Sprache Hebräisch und Gebete des Judentums lernt. Sams Familie ist irgendwo zwischen Schaindels und Meirs Familie - sie beten ein paar Mal im Monat in der Synagoge, halten den Schabbes aber nicht streng ein. Sie unternehmen viele Dinge an einem Samstag, Sam geht zum Beispiel zu ihrem Lieblingssport Fußball. Ihre Familie isst manchmal koscheres Essen, manchmal auch Essen, das nicht koscher ist. Sam war einmal mit ihrer Familie in Israel, wo Cousins und Cousinen von ihr leben. Wenn Sam 13 Jahre alt wird und ihre Bat Mitzwah feiert, will sie mit ihrer Familie ein weiteres Mal nach Israel reisen. Auch wenn sie kein Hebräisch können, besuchen sie gerne die historischen Orte in Israel, die in der Bibel beschrieben werden, und hören gerne israelische Musik, obwohl sie die meisten Wörter davon nicht verstehen.

Jüdisches Leben auf der ganzen Welt

Das sind drei verschiedene Kinder, die in drei verschiedenen Ländern leben und drei sehr unterschiedliche Leben führen. Sie sind alle Juden, weil ihre Vorfahren Juden waren. Auch wenn das Judentum oft als Religion bezeichnet wird, ist ein Jude, der nicht betet, den Schabbes nicht beachtet und kein Hebräisch kann, immer noch Jude. Juden dürfen sich entscheiden, ob sie die Regeln und Bräuche des Judentums einhalten wollen oder nicht. Sie können auch eine Mischung machen. Das ist im Grunde ja auch in anderen Religionen so; zum Beispiel halten sich ja auch nicht alle Christen streng an die Fastenzeit vor Ostern.

Jude zu sein ist zum Teil eine Religion, zum Teil eine Kultur und zum Teil eine Nationalität. Eigentlich ist es alles drei.

Jahrhundertelang lebten Juden in vielen Ländern: im Iran und im Irak, in Marokko, Tunesien, Ägypten, der Türkei, in Deutschland, Frankreich, Polen, Italien, Ungarn, Russland, Venezuela, Argentinien, Südafrika, Thailand, Japan und Kanada. Heutzutage leben die meisten Juden in Israel oder in den USA. Aber noch immer gibt es in über 100 Ländern der Welt kleinere jüdische Gemeinden.

Also, was heißt es wirklich, Jude oder Jüdin zu sein? Und wer entscheidet, wer jüdisch ist?

Jude zu sein, kann sehr Verschiedenes bedeuten

Jude zu sein kann sehr Verschiedenes bedeuten für unterschiedliche Menschen in unterschiedlichen Zeiten. Im Laufe der Geschichte gab es viele Ähnlichkeiten zwischen Juden in Polen, Deutschland,

Marokko und im Irak. Sie haben alle den Schabbat auf die gleiche Weise immer an einem Samstag gefeiert. Sie haben auf Hebräisch gebetet, auch wenn sie sonst Arabisch, Deutsch, Tschechisch oder Farsi gesprochen haben. Ein berühmter jüdischer Reisender namens Benjamin von Tudela hat sein Zuhause in Spanien im Jahr 1165 verlassen und ist durch Frankreich, Italien und Griechenland bis nach Israel gereist und dann weiter nach Bagdad, Kairo und Alexandria. Er beschrieb überall das Leben der Juden in den unterschiedlichen Ländern und wie ähnlich diese sich waren. Das war mitten im Mittelalter, 100 Jahre vor Marco Polo!

Während manche Juden glauben, dass nur Gott und die Regeln des Judentums darüber entscheiden, wer jüdisch sein kann, glauben andere, dass es ausreicht, wenn man sich als Jude oder Jüdin identifiziert. Es gibt keine Autorität, welche auf der ganzen Welt entscheidet, wer Jude ist und wer nicht. Israel hat einen Oberrabbiner, aber das ist eine staatliche Position, die nur in Israel Bedeutung hat und nicht für die USA, Kanada oder Europa entscheiden kann.

»Spitznamen« für Jüdinnen und Juden

Es gibt ein paar bekannte Spitznamen für Juden. Einer davon ist »Volk des Buches«. Damit ist gemeint, wie wichtig die Bibel, Gebetbücher und die Gesetzbücher wie der Talmud für die jüdische Religion und Kultur sind. Diese heiligen Bücher zu lesen ist eine religiöse Tätigkeit und verbindet eine Person mit Gott. Nicht nur Rabbiner und Gelehrte, sondern alle Juden werden auch manchmal als »die Auserwählten« bezeichnet, da sie fühlen, dass Gott sie ausgesucht hat, um nach den Regeln, wie z. B. koscher und Schabbes, und nach strengen Gesetzen zu leben; außerdem sollen sie in geschäftlichen Dingen immer ehrlich sein. Juden sehen sich selbst als »Licht für die Nationen«. Das heißt, sie möchten ein Vorbild sein und zeigen, wie man sich um Eltern und Freunde kümmert, wie man Kinder unterrichtet und wie man sich verantwortungsbewusst für die Harmonie und das friedliche Zusammenleben verschiedener Völker einsetzt.

Leider war es den Juden nicht immer vergönnt, selbst in Frieden und Harmonie zu leben. Zu anderen Zeiten der Geschichte haben Juden Verfolgung erfahren: Sie durften nicht Bürger des Landes sein, in dem sie lebten, sie durften oft nicht arbeiten oder ihre Religion frei leben. An anderen Orten mussten Juden eine Menge Steuern zahlen, um von den Landesherren in Frieden gelassen zu werden. Manchmal durften sie nicht entscheiden, wo sie wohnen wollten, sondern mussten in sogenannte »Gettos« ziehen, wo sie sehr eingeschränkt lebten. Getto ist ein italienisches Wort, es bedeutet Gießerei und war der Name eines jüdischen Stadtviertels in Venedig im Jahr 1516, wo es zum ersten Mal als Name für das Viertel der Juden benutzt wurde.

Auch heute noch gibt es Menschen, die das Wort »Jude« als Beleidigung zu anderen Menschen sagen, um sie zu verletzen, egal ob sie Juden sind oder nicht. Das ist schwer zu ertragen.

Trotz oft schwieriger Bedingungen blieben Juden stolz und standhaft in ihren Traditionen, Bräuchen und Sprachen. Wenn du irgendwo auf der Welt eine Synagoge besuchst, wirst du vermutlich Leute finden, die zusätzlich zu ihrer Landessprache noch Hebräisch sprechen können. Besucher, die interessiert am Judentum sind und respektvoll mit dem jüdischen Glauben umgehen, sind übrigens herzlich willkommen. Hebräisch ist die offizielle Sprache der Bibel, die bis heute in Israel und von vielen Juden aus der ganzen Welt gesprochen wird als eine Art internationale Sprache. Die meisten religiösen Bücher sind auf Hebräisch geschrieben, sodass alle Juden aus Italien, Deutschland, Argentinien, Amerika oder Marokko sie lesen und verstehen können.

Das Judentum ist vielfältig und kennt viele Lebensweisen.

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ZUM WEITERDENKEN UND WEITERFRAGEN:

  • O Gibt es eine jüdische Gemeinde in deiner Stadt oder in der Nähe deines Wohnorts? Schlag doch deiner Lehrerin oder deinem Lehrer oder deinen Eltern vor, einmal eine Synagoge zu besuchen und mit den Jüdinnen und Juden dort zu sprechen.
  • O Gab es früher Juden in deiner Stadt oder in deiner Nähe? Was ist aus ihnen geworden?
  • O Was würdest du jüdische Kinder wie Schaindel, Meir und Sam am liebsten fragen?

* Aus dem Englischen übersetzt von Yvonne Kimmig.

Fahimah Ulfat

 
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