Warum tragen manche Musliminnen ein Kopftuch?

Du hast sicherlich aus den Nachrichten und aus deinem Umfeld schon manches über das Kopftuch im Zusammenhang mit Musliminnen gehört (Musliminnen ist die weibliche Form von Muslim). Du hast auch sicher schon Frauen gesehen, die ein Kopftuch tragen. Hast du auch schon mal einen Mann mit Kopftuch gesehen?

Zunächst einmal sagt das Wort Kopftuch ja schon etwas darüber aus, was es ist. Es ist ein Stück Tuch oder Stoff, das den Kopf bedeckt. Du hast dir sicher auch schon die Frage gestellt, warum manche Menschen ihren Kopf überhaupt bedecken. Dafür gibt es verschiedene Gründe: praktische, kulturelle und religiöse.

Praktische Gründe

Es ist manchmal sehr praktisch, den Kopf zu bedecken. Im Winter, wenn es sehr kalt ist, im Sommer, wenn es sehr heiß ist, wenn es irgendwo sehr staubig ist oder sehr windig, wie zum Beispiel beim Cabrio-Fahren. Es ist auch an manchen Arbeitsstellen vorgeschrieben, die Haare zu bedecken, zum Beispiel wenn man in einer Küche arbeitet oder mit Maschinen, in denen sich die Haare verfangen könnten. Hier werden Haarnetze verwendet. Die praktischen Gründe sind also Hygiene und Schutz. Um noch mal auf die Männer zurückzukommen: In vielen Ländern, in denen es besonders heiß und staubig ist, tragen auch Männer oft ein Kopftuch. In der arabischen Welt zum Beispiel tragen viele Männer zum Schutz vor der Sonne ein Kopftuch, das Kufiya genannt wird.

Kulturelle Gründe

Das Bedecken des Kopfs kann auch eine kulturelle Bedeutung haben. Kultur umfasst die Regeln des Zusammenlebens, aber auch die Sprache, Schrift, Kunst, die Bräuche und Sitten und vieles mehr, was von unterschiedlichen Gesellschaften geschaffen und geformt wird. Es gibt verschiedene Kulturen, die in unterschiedlichen Gebieten der Welt entstanden sind und die sich voneinander unterscheiden. Das Kopftuch kann auch ein kulturelles Phänomen sein, also etwas, das sich im Laufe der Zeit in einer Gesellschaft als Kleidungsstück durchgesetzt hat.

Kulturen verändern sich aber mit der Zeit. In etwas älteren Filmen sieht man oft Frauen, die eine Haube auf dem Kopf tragen oder ein kleines dreieckig gefaltetes Tuch. Diese Tradition hat sich heute in weiten Teilen von Europa gewandelt. Das Kopftuch wird immer mehr von anderen Kopfbedeckungen ersetzt, wie Hüte, Mützen, Kapuzen oder Baseball-Käppis. Das Bedecken des Kopfes mit einem Tuch ist aber weiterhin als modisches Zubehör sehr beliebt. Du kennst sicher beispielsweise Bandanas und Turbane. Die bekannteste Frau, die häufig ein Kopftuch trägt, ist Königin Elisabeth II. von England.

Religiöse Gründe

Schließlich gibt es auch religiöse Gründe für das Tragen von Kopftüchern. Diese religiösen Gründe können sehr vielfältig sein. Du kennst sicher Nonnen, die ihren Kopf bedecken. Sie gehören einer christlichen Ordensgemeinschaft an und haben religiöse Gründe für das Tragen ihrer speziellen Tracht, die Habit genannt wird.

Für Musliminnen, die ihren Kopf mit einem Tuch bedecken, gibt es verschiedene religiöse und kulturelle Begründungen, die man manchmal gar nicht so recht auseinanderhalten kann.

Für die Begründung des Kopftuchs verweisen viele Musliminnen und Muslime auf den Koran. Der Koran ist für Musliminnen und Muslime ein sehr wichtiges Buch. Es enthält nach ihrer Auffassung die Botschaft Gottes an die Menschen. Seine Botschaft teilte Gott im Laufe der Zeit bestimmten Personen mit, die er dafür ausgesucht hatte. Diese Menschen heißen Propheten und sollen Gottes Botschaft unter den Menschen verbreiten. So glauben Musliminnen und Muslime, dass Gott zum Beispiel Moses, Jesus und Muhammad seine Botschaft mitgeteilt hat. Die Botschaft, die er Muhammad mitgeteilt hat, wurde im Koran festgehalten.

An einer Stelle im Koran sagt Gott zu Muhammad, dass er zu den gläubigen Frauen sagen soll, dass sie sich ihren

Schal über den Ausschnitt legen sollen, wo die Haut nicht bedeckt ist (wenn du das nachlesen möchtest, findest du es in Kapitel (Sure) 24 des Korans, in Vers 31).

Musliminnen und Muslimen verstehen diesen Satz unterschiedlich: Die einen sagen, dass der Schal, der für gewöhnlich auf den Schultern liegt, über den Kopf nach vorne gezogen werden soll und somit nicht nur den freien Hals- und Brustausschnitt bedecken soll, sondern auch den Kopf. Die anderen sagen, dass dieser Schal einfach auf den Schultern liegend über den freien Hals- und Brustausschnitt gelegt werden soll.

Diejenigen, die meinen, dass der Schal den Kopf bedecken soll, beziehen sich auf das Vorbild von Muhammad und seinen Gefährtinnen und Gefährten. Die muslimischen Frauen sollten als gläubige Frauen erkannt werden und so geschützt sein. Denn im Koran heißt es auch, dass Muhammad den Frauen sagen soll, dass sie sich bedecken sollen, damit man sie erkennt und sie nicht belästigt (Kapitel (Sure) 33, Vers 59). Hier spielen also mehrere Dinge eine Rolle: Die Kleiderordnung von damals hat einerseits die

Zugehörigkeit zu einer bestimmten Bevölkerungsgruppe deutlich gemacht, gleichzeitig aber auch die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Religion. Außerdem hatte sie den Sinn, Frauen vor Belästigungen zu schützen.

Wie sieht es heute aus?

Jetzt wollen wir schauen, wie muslimische Frauen heute mit der Frage nach dem Kopftuch umgehen. Es gibt viele muslimische Frauen, die sagen, dass die Situation damals für diese Schutzmaßnahme entscheidend war, und die das Tragen des Kopftuchs heute nicht als ein religiöses Gebot ansehen. Sie betrachten das Kopftuch als eine Tradition, die in der damaligen Zeit sinnvoll war, heute aber keine Rolle mehr spielt.

Es gibt aber viele Frauen, die das Kopftuch auch heute tragen. Sie nennen dafür unterschiedliche Gründe:

  • • Manche Frauen sehen das Tragen des Kopftuchs für sich als religiöse Pflicht an und bedecken freiwillig ihren Kopf. Sie wollen damit ihre Verbundenheit mit Gott ausdrücken.
  • • Manche Frauen tragen das Kopftuch aus Gewohnheit.
  • • Manche Frauen tragen das Kopftuch aufgrund von Vorschriften oder Gesetzen, die in einigen muslimisch geprägten Ländern herrschen.
  • • Manche Frauen tragen das Kopftuch aufgrund von Erwartungen, manchmal auch aufgrund von Druck aus ihrem sozialen Umfeld, also ihrer Familie oder der kulturellen Gruppe, der sie angehören.
  • • Manche Frauen tragen das Kopftuch als Zeichen der

Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe.

  • • Manche Frauen tragen das Kopftuch als modisches Zubehör.
  • • Manche Frauen tragen das Kopftuch aus Protest.
  • • Vielleicht gibt es noch weitere Gründe. Nur selten haben Frauen nur einen einzigen Grund, warum sie ihr Kopftuch tragen.

Verschiedene Formen

Die Form des Kopftuches hat sich mit der Zeit sehr gewandelt und ist von Ort zu Ort unterschiedlich. Es gibt mittlerweile unzählige Tutorials auf YouTube, die zeigen, wie man sich ein Kopftuch oder einen Turban zeitgemäß, stylisch, attraktiv und ausgefallen binden kann.

Es gibt aber auch noch Formen der Kopfbedeckung, bei denen Frauen nicht nur ihren Kopf bedecken, sondern auch ihr Gesicht verhüllen. Die eine Variante ist die Burka, bei der die Frau durch ein netzähnliches Stück Stoff sehen kann, das in die Gesichtsverhüllung eingearbeitet ist. Die zweite Variante ist der Niqab, bei dem die Frau durch einen schmalen Schlitz in der Gesichtsverhüllung sehen kann. Damit ist fast immer verbunden, dass auch der ganze Körper durch ein langes Gewand verhüllt wird. Diese Formen haben in der Regel regionale und kulturelle Hintergründe. Sie werden von einigen Musliminnen und Muslimen auch religiös begründet, allerdings lehnt eine große Zahl von Musliminnen und Muslimen - auchsolche, die das Kopftuch befürworten - Burka und Niqab ab.

Kopftuch oder kein Kopftuch?

Viele Menschen haben das Gefühl, dass das Kopftuch ein Zeichen für die Unterdrückung muslimischer Frauen ist. Einige fordern deshalb sogar, dass man das Kopftuch gesetzlich verbieten sollte, vor allem für jüngere Mädchen, beispielsweise in der Schule, aber auch für erwachsene Frauen, die beispielsweise als Lehrerin arbeiten.

Natürlich gibt es Mädchen und Frauen, die ein Kopftuch tragen, weil sie auf die Erwartungen ihrer Eltern, ihrer Familie und ihres kulturellen Umfelds reagieren, manche auch weil sie unter Druck gesetzt werden. Wenn ein Verbot des Kopftuchs angestrebt wird, stellt sich die schwierige Frage, wie man zwischen den vielen Gründen für das Tragen eines Kopftuchs unterscheiden soll. Kann man das Kopftuch einerseits einer Frau verbieten, die es aus religiösen Gründen freiwillig trägt? Und wie geht man andererseits mit Mädchen und Frauen um, die das Kopftuch tragen, weil sie Druck aus ihrem Umfeld spüren?

Letztlich lässt der Koran die Frage offen und es ist das Recht einer jeden Musiimin, das Tragen des Kopftuches für sich religiös zu begründen. Genauso ist es das Recht einer jeden Musiimin, für sich zu entscheiden, kein Kopftuch zu tragen und es nicht als religiöse Pflicht anzusehen. Aber eine generelle religiöse Verpflichtung oder ein generelles Verbot des Kopftuchs muss infrage gestellt werden.

ZUM WEITERDENKEN UND WEITERFRAGEN:

  • O Das Kopftuch wird nicht nur von Musliminnen und Muslimen gegensätzlich diskutiert, sondern auch von Nichtmusliminnen und Nichtmuslimen, im Fernsehen, im Internet und von Politikerinnen und Politikern. Hast du schon einmal erlebt, wie jemand etwas über das Kopftuch von Musliminnen gesagt hat?
  • O Ist das Kopftuch ein Zeichen für Unfreiheit, Unterdrückung, Rückständigkeit und Ausgrenzung oder ist es ein Zeichen für Religiosität, Selbstbestimmung und Freiheit? Was meinst du dazu?
  • O Schau dir mal ein Tutorial an, wie man ein Kopftuch binden kann. Das kann ziemlich interessant sein.
  • O Was sagst du zu jemandem, der meint, man solle Mädchen oder Frauen verbieten, ein Kopftuch zu tragen? Dürfte man bei einem Verbot die Kopfbedeckung dann nur den Musliminnen verbieten oder auch Nonnen und anderen, die ihren Kopf aus religiösen Gründen bedecken?

Andrea Liebers

 
Quelle
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