Wie ist das mit den Tieren in den Religionen?

Überall auf der Welt und schon sehr lange leben Menschen und Tiere zusammen. Eigentlich ist der Mensch ja selbst ein Tier. Im Biologieunterricht kannst du über den Menschen lernen, dass er ein Säugetier ist, das zu den Menschenaffen gehört. Der Homo sapiens, so nennen die Forscherinnen und Forscher dich und mich und alle anderen Menschen auf der Welt, ist mit den Gorillas, den Orang-Utans und den Schimpansen besonders eng verwandt. Aber er hat sich anders entwickelt als diese großen Affen. Homo sapiens ist lateinisch und bedeutet kluger, vernünftiger Mensch. Du bist also für die Biologinnen und Menschenforscher ein kluges, vernünftiges Säugetier, ein besonders schlauer Menschenaffe. Und deshalb mit allen Tieren eng verbunden.

Vor sehr langer Zeit hat der Mensch sich dadurch ernährt, dass er essbare Früchte und Samen gesammelt und Tiere gejagt hat, um ihr Fleisch zu essen. Tiere waren für den Menschen Beute und Nahrung. Die ersten Tiere, zu denen der Mensch ein anderes Verhältnis hatte, waren die Vorfahren unserer Hunde, die Wölfe. Sie haben sich den Menschen angeschlossen, weil beide - Mensch und Wolf -füreinander nützlich waren. Die halbwilden Wölfe, die sich dann zu Hunden entwickelt haben, wurden Gefährten der frühen Menschen, haben bei der Jagd geholfen und durch besondere Wachsamkeit die kleinen Gruppen der Menschen vor wilden Tieren gewarnt. Dafür haben die Menschen ihnen von ihrer Beute etwas abgegeben und sie gefüttert - und später auch gestreichelt und mit ihnen gespielt, vor allem mit den Welpen. Die Hunde sind die ältesten gezähmten Haustiere der Menschen und beide haben sich gemeinsam entwickelt. Die Forscherinnen und Forscher nennen das Koevolution.

Erst viel später wurden die Menschen sesshaft, lebten in festen Hütten und Siedlungen und pflanzten auf Feldern Nahrung an. Das war vor mehr als 10.000 Jahren. Jetzt hielten sie sich auch Nutztiere:

Ziegen, Schafe und Rinder, die ihnen Fleisch und Milch, Fell und Knochen für Kleidung und Werkzeuge lieferten.

Viele Religionen glauben, dass Gott Menschen und Tiere geschaffen hat

Warum ist es wichtig, an die Geschichte des Zusammenlebens von Menschen und Tieren zu erinnern? Weil die Menschen von Anfang an einen großen Respekt vor den Tieren hatten. Das kann man vor allem daran sehen, dass die erste Kunst, die Menschen gemacht haben, Tiere darstellt. Sehr, sehr alte Malereien auf den Felswänden verschiedener Höhlen auf der Welt - die deshalb Höhlenmalereien genannt werden - zeigen Tiere. Forscherinnen und Forscher glauben, dass die ersten Menschen Tiere gemalt haben, weil sie Ehrfurcht vor ihnen hatten. Vielleicht haben sie die Tiere bewundert für das, was sie selbst als Menschen schlechter konnten: schnell laufen und hoch springen, besonders gut riechen oder sehr scharf sehen. Es könnte sogar sein, dass schon die ersten Menschen in den Tieren etwas von einer höheren Macht gesehen haben, die später Gott genannt wurde.

In allen großen Religionen der Welt glauben die Menschen, dass Gott Menschen und Tiere geschaffen hat. Beide sind Geschöpfe und haben etwas mit Gott und seiner Liebe und Beziehung zur Welt zu tun. Die Juden und die Christen erzählen in ihren beiden Schöpfungsgeschichten im Buch Genesis davon, wie eng die Verbindung von Mensch und Tier ist: Beide werden am selben Tag von Gott gemacht, nämlich am sechsten (Buch Genesis, Kapitel 1, Verse 24-31). Und beide formt Gott aus demselben Material, aus Lehm (Buch Genesis, Kapitel 2, Vers 7 und Vers 19). Der Mensch darf dann den Tieren Namen geben.

Auch der Koran, das heilige Buch der Muslime, spricht von den Tieren als Geschöpfen Gottes:

Und auch das Vieh hat Allah erschaffen. An ihm habt ihr Menschen Wärme und allerlei anderen Nutzen; und davon esst ihr. Und ihr habt an ihnen Schönes, wenn ihr sie abends eintreibt und wenn ihr sie morgens austreibt. Und sie tragen eure Lasten in ein Land, das ihr sonst nur mit größter Mühe hättet erreichen können. Euer Herr ist wahrlich gnädig und barmherzig. Und erschaffen hat Er die Pferde, die Maultiere und die Esel, damit ihr auf ihnen reitet, und auch als Schmuck.

(Sure 16, Verse 5-8)

Leider behandeln viele Menschen die Tiere aber nicht wie Gottes Geschöpfe, die etwas Schönes sind, wie Schmuck, den sie nutzen dürfen. Sondern sie nutzen die Tiere aus. Das Tierschutzgesetz, das in Deutschland regelt, wie Menschen die Tiere behandeln dürfen, hat die Meinung der Religionen übernommen. Im ersten Satz des Gesetzes heißt es:

Zweck dieses Gesetzes ist es, aus der Verantwortung des Menschen für das Tier als Mitgeschöpf dessen Leben und Wohlbefinden zu schützen. Niemand darfeinem Tier ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügen.

Es gibt Religionen, in denen manche Tiere heilig sind

Wenn Menschen sagen, dass etwas oder jemand heilig ist, dann bedeutet das: Diese Sache oder dieses Lebewesen hat einen besonderen Kontakt zu Gott. So wird zum Beispiel in einem heiligen

Raum - in einer besonders schönen Kirche oder Moschee - etwas von Gottes Größe und Schönheit erfahrbar. Und so gibt es Religionen, die manche Tiere heilig nennen. Ein besonders interessantes Beispiel will ich dir erzählen: In Ägypten, wo schon vor mehr als 4000 Jahren die Kobra, der Falke, das Krokodil und viele andere Tiere heilig waren, wurde der Gott der Morgensonne verehrt. Sein Name war Chepre. Dargestellt wurde er als Skarabäus, als Käfer. Oder als Mensch mit dem Kopf eines Skarabäus-Käfers. Das hatte verschiedene Gründe. Der Körper des Skarabäus leuchtet und schillert besonders schön in der Sonne. Außerdem dreht der Skarabäus aus Tierdung, also aus Mist, Kugeln, die er so durch die Gegend rollt, wie der Sonnengott Chepre die Sonne am Himmel bewegt. Und der Skarabäus kam in jedem Jahr vor dem Nil-Hochwasser in die Häuser der Menschen. Sonst wäre er draußen ertrunken. So war der Käfer ein Glückszeichen dafür, dass endlich das fruchtbare Wasser kommt und die Felder am Flussufer überschwemmt, damit die Früchte wachsen können und die Menschen keinen Hunger haben. Weil die altägyptische Religion viele Tiere als heilig verehrte, ist es kein Zufall, dass in Ägypten schon vor 10.000 Jahren manche Tiere nach ihrem Tod bestattet wurden wie Menschen.

Viele religiöse Menschen in Indien und China gehören dem Buddhismus und dem Hinduismus an. Sie glauben, dass jedes Lebewesen wiedergeboren wird und viele Male auf der Erde leben und sich ordentlich und vorbildlich verhalten muss. Die Religionsforscherinnen und -forscher nennen diese Wiedergeburt Reinkarnation. Wiedergeboren werden kann man als Tier oder als Mensch, je nachdem, wie man gelebt hat. Jedes Tier, dem man begegnet, könnte man also im nächsten Leben selber sein. Deshalb begegnen Hindus und Buddhisten den Tieren mit viel Ehrfurcht und halten sie heilig. Im Christentum gibt es zwar keine heiligen Tiere, aber solche, die ein Hinweis auf Gott oder ein Zeichen für ihn sind. Die Forscherinnen und Forscher nennen das ein Symbol. Ein solches Tier ist zum Beispiel die Taube. Gottes Geist, seine Zuneigung zum Menschen, ist frei und leicht und kann überall hinkommen. So beweglich und lebendig ist auch eine schöne weiße Taube. Und wo

Gott einem Menschen ganz nahekommen will, da erzählen die Bibel und die christliche Kunst oft davon, dass eine Taube erscheint. Zum Beispiel als Jesus getauft wurde. Da sah er, dass der Geist wie eine Taube auf ihn herabkam (Markusevangelium, Kapitel 1, Vers 10). Diese Taube findest du in ganz vielen christlichen Kirchen.

Es gibt religiöse Menschen, die kein Fleisch essen

Wir denken gemeinsam darüber nach, wie das mit den Tieren in den verschiedenen Religionen ist. Dabei spielt die Frage eine besonders wichtige Rolle, ob der Mensch Tiere töten darf, vor allem, um dann ihr Fleisch zu essen. Das ist wirklich ein schwieriges Thema.

Gott hat den Menschen und die Tiere geschaffen. Darin liegt ihre gemeinsame Würde und das verbindet sie. Judentum, Christentum und Islam glauben, dass der Mensch in einem ganz besonderen Verhältnis zu Gott steht. Frauen und Männer sind Gottes Stellvertreter auf der Welt und ihm von allen Geschöpfen am ähnlichsten. Sie sind sein Ebenbild. Die Christen glauben sogar daran, dass Gott selbst Mensch geworden ist in Jesus. Der Mensch steht also im Mittelpunkt der Schöpfung Gottes. Das bedeutet, dass er die Tiere nutzen kann. Nutzen darf er sie als Haustiere und Arbeitstiere, aber auch zum Essen. Denn Fleisch ist, wenn man nicht zu viel davon isst, ein wichtiges und gesundes Lebensmittel. Es enthält zum Beispiel Eiweiß und Eisen. Beides brauchen Kinder, um gesund zu bleiben und zu wachsen. Viele Kinder auf der Welt sind sehr schlecht ernährt und müssten eigentlich mehr Fleisch essen. Und so gibt es keine Religion auf der Welt, die den Menschen ganz allgemein verbietet, Tiere zu töten und zu essen. Manche Religionen haben allerdings Vorschriften, welches Fleisch man essen darf und welches nicht oder wie das Tier getötet werden muss, damit man das Fleisch essen kann. Juden und Muslime nennen Fleisch, das man essen darf, koscher oder hallal. Es darf kein Schweinefleisch sein. Und die Tiere, Schafe und Ziegen, Rinder und Hühner, müssen so getötet werden, dass ihr gesamtes Blut ausfließen kann. Denn Blut dürfen Juden und Muslime nicht essen. Diese Art, Tiere zu schlachten, nennt man Schächten. Über das Schächten, das in Deutschland für Juden und Muslime erlaubt ist, wird sehr viel diskutiert. Dabei geht es um den Tierschutz und das Tierwohl, also darum, ob die Tiere dabei zu sehr leiden. Manche Leute fragen auch, ob Tiere Rechte haben wie der Mensch.

In allen Religionen gibt es Menschen, die freiwillig darauf verzichten, Tiere zu töten und zu essen. Sie leben vegetarisch und begründen dieses Verhalten mit ihrer religiösen Haltung. In den Religionen, die aus Indien stammen, im Hinduismus und Buddhismus, wird diese Haltung ahimsä genannt. Ahimsa ist die Lehre vom Nicht-Töten und Nicht-Verletzen. Aus Mitgefühl darf kein Lebewesen getötet oder verletzt werden, egal aus welchem Grund. Diese totale Gewaltlosigkeit muss man im Leben und auch im Bereich der Religion einhalten. Kein Tier darf geopfert, kein Tier darf gegessen werden. Menschen aus anderen Religionen, aber auch Leute, die nicht religiös sind, begründen ihren Verzicht auf Fleisch ebenfalls damit, dass die Tiere Mitgeschöpfe sind.

Wichtig ist allen Religionen die Ehrfurcht vor dem Leben

Mit dem Stichwort Mitgefühl sind wir bei einem letzten wichtigen Punkt angekommen. Was alle Religionen verbindet, ist die Ehrfurcht vor dem Leben. Ein berühmter Arzt und Theologe hat als Erster so von der Ehrfurcht vor dem Leben gesprochen, Albert Schweitzer. Er lebte von 1875 bis 1965. Man hat ihn auch den >Urwaldarzt< genannt, weil er in der Stadt Lambarene in dem afrikanischen Land Gabun mitten im Urwald ein Krankenhaus für arme Leute gebaut hat. Albert Schweitzer war überzeugt davon, dass der Mensch nur richtig handelt, wenn er darauf achtet, »allem Leben, dem er beistehen kann, zu helfen, und sich scheut, irgendetwas Lebendigem Schaden zu tun«. Für sich selbst hat Albert Schweitzer die Idee von der Ehrfurcht vor dem Leben so beschrieben: »Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will.« Wenn du über diesen Satz nachdenkst, dann wirst du viele Gedanken wiederfinden, über die wir schon gemeinsam nachgedacht haben. Ein konkretes Beispiel dazu noch zum Schluss: Wer gut leben will, braucht manchmal eine Pause. Die Juden und die Christen kennen einen Pausentag, den Gott selbst erfunden hat: Bei den Juden ist es der Samstag, der Sabbat. Die Christen machen am Sonntag Pause. An diesem Tag soll man etwas Schönes machen, Freunde und Familie treffen, vielleicht sogar beten. Auf jeden Fall ist es ein Tag, an dem man nicht arbeiten, sondern sich ausruhen soll - aus Ehrfurcht vor dem Leben. Das gilt dann aber für alle Menschen - und auch für die Tiere:

Sechs Tage kannst du deine Arbeit verrichten, am siebten Tag aber sollst du ruhen, damit dein Rind und dein Esel ausruhen und der Sohn deiner Sklavin und der Fremde zu Atem kommen.

(Buch Exodus, Kapitel 23, Vers 12)

ZUM WEITERDENKEN UND WEITERFRAGEN:

  • O Achte in der Natur, im Garten, im Park oder im Wald doch einmal besonders auf die großen und kleinen Tiere, die du siehst. Wenn du in deinem Kopf und deinem Herzen weißt, dass Gott die Tiere so liebt wie dich - was fühlst du dann?
  • O Wenn du ein Tier lieb hast und dich mit ihm verbunden fühlst, dann kannst du es segnen und ihm sagen: »Es ist gut, dass es dich gibt. Gott hat dich lieb - und ich dich auch. Wir gehören zusammen.«
  • O Der Denker Richard David Precht hat einen sehr klugen Satz gesagt: »Es gibt zwei Kategorien von Tieren. Die eine glaubt, dass es zwei Kategorien von Tieren gibt. Und die andere hat darunter zu leiden.« Was er wohl damit meint? Sprich doch mit den Erwachsenen einmal darüber und frag, ob sie den Satz verstehen.
 
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