Anzahl der Buddhistinnen und Buddhisten in Deutschland

Von Brück bezieht sich in seinen Angaben für die in Deutschland lebende Anzahl von BuddhistInnen auf Informationen der ‚Deutschen Buddhistischen Union' an die Wochenzeitung „Die Zeit“. Im Jahre 2000 waren es demnach 250.000 BuddhistInnen. [1] Der religionswissenschaftliche Medienund Informationsdienst e.V. gibt in Bezug auf Schätzungen der Deutschen Buddhistischen Union von 2011 eine Zahl von 130.000 deutschen Buddhistinnen und Buddhisten an. Hinzu kommen noch ca. 105.000 aus Asien stammende in Deutschland lebende Buddhistinnen und Buddhisten [2]. Der Religionsmonitor benennt 0,3% Buddhistinnen und Buddhisten in Deutschland, ohne hier jedoch eine Trennung zwischen Menschen mit deutscher oder anderer Staatsangehörigkeit zu unterscheiden. [3] Zusätzlich gibt es eine große Anzahl am Buddhismus interessierter Menschen in Deutschland (vgl. v. Brück, 2007, S. 507).

Säkulare Interpretationsmöglichkeit des Buddhismus

Das spezielle Interesse am Buddhismus im Westen begründet Michael von Brück damit, dass der Buddhismus sich „als Alternative eines rationalen Sinnsystems an (-bietet) Erg. d. d. Verf., dessen ›religiöse Einkleidung‹ als unwesentlich betrachtet wurde und wird“. Dadurch entstehe eine Kompatibilität des Buddhismus mit dem naturwissenschaftlichen Weltbild (ebd., S. 517). Es gibt sogar Vertreter im westlich-buddhistischen Diskurs, die dem Buddhismus jegliche Grundlage als Religion absprechen

[4] bzw. aktuell wird eine Diskussion durchaus heterogen in Richtung eines ‚Buddhismus des 21. Jahrhunderts' geführt (vgl. Buddhismus aktuell, 2/2013). Darin zeigt sich zunehmend pointiert, dass der Buddhismus nicht von allen Menschen, die sich intensiv mit ihm beschäftigen und eine entsprechende Praxis ausüben bzw. sich sogar selbst möglicherweise als Buddhist oder Buddhistin bezeichnen, eine religiöse Anbindung haben. Es kann um ein Verständnis als eine Geistesschulung gehen, eine erfahrungsorientierte Philosophie oder eine Lebensweise (vgl. Buddhismus Aktuell, 3/2013, S. 37). Daran schließt sich von Brücks Verständnis des Buddhismus an, dass „die experimentelle Orientierung“ (v. Brück, 2007, S. 518) attraktiv ist, die beinhaltet, dass der Buddha die Menschen aufgefordert habe, ihre eigenen Erfahrungen zu machen und nicht einfach Vorgegebenes zu akzeptieren. Der Buddhismus lehnt das dualistische Weltbild ab, in dem Materie und Geist getrennt werden. Die Wirklichkeit wird beschrieben als ein Prozess, indem die Entstehung der Phänomene in wechselseitiger Abhängigkeit gesehen wird. Dies beinhaltet ebenfalls die Verneinung eines Schöpfergottes. Diese These kann, so die buddhistische Haltung, durch die eigene Erfahrung im Rahmen einer meditativen Schulung überprüft werden (vgl. ebd.). Es geht also um die Entwicklung des Menschen in Richtung Bewusstheit, Autonomie und Selbstverantwortlichkeit, was auch bedeutet, dass der Mensch sich selbst verändern kann. Allerdings ist für diesen Weg die Einbettung in eine spirituelle Gemeinschaft, so von Brücks Interpretation (vgl. ebd.) zentral. Diese Ausrichtung greift sicher die Sehnsucht vieler Menschen in der gegenwärtigen Zeit auf, in der eine starke Tendenz Richtung Vereinzelung zu erkennen ist, wodurch viel Einsamkeit [5] entsteht. Gleichzeitig wünschen sich die Menschen für sich selbst trotzdem die Eigengestaltung ihres Lebens und die Freiheit, ihre Bedürfnisse nach Nähe und Verbindlichkeit flexibel regulieren zu können.

Ein positives Menschenbild zeigt den Menschen ihre Möglichkeiten, sich selbst durch Bewusstseinsschulung, für die es vielerlei konkrete Anweisungen gibt, zu verändern auf. Dieses steht im Gegensatz zum (konservativen) christlich gefärbten Blick, in dem Menschen als ‚Sünder' angesehen werden, die Buße zu tun haben und dankbar sein sollten für den Erlösergott, der sich ihrer erbarmt.

Im Buddhismus sind für diese Lebensweise Vorbilder zu finden, denn der Buddhismus bietet sogenannte ‚spirituelle Lehrer und Lehrerinnen' an, die Leitbildfunktion übernehmen können. Ein populäres Beispiel dafür stellt der 14. Dalai Lama als charismatisches Oberhaupt des tibetischen Buddhismus dar (vgl. ebd., S. 518ff). Die große Sympathie und Akzeptanz, derer er sich u.a. im wissenschaftlichen Kontext, aber auch unter vielen PolitikerInnen erworben hat, rührt sicher von einer großen Weisheit, aber auch von einer dem Buddhismus zuzurechnenden Haltung und Umgangsweise mit Menschen und Welt, die eher die leisen Töne anschlägt, viel Empathie zeigt ohne eigene klare Positionierungen aufzugeben, einen alternativen Weg zur aggressiven, ausgrenzenden Weise, wie sie hier im Westen sowohl in Religion als auch in Politik und Gesellschaft eher verwurzelt und gängig sind. [6] Der Buddhismus selbst mit seinen Lehren scheint einen hohen integrativen Anteil zu vermitteln, der sich kompatibel zeigt mit der westlichen Kultur. Der amerikanische buddhistische Meditationsund Dharmalehrer Jack Kornfield spricht von „universellen Prinzipien der Dharmaschulung, der sich alle

unterziehen müssen, die einen authentischen Praxispfad gehen wollen. Auch wenn Sie ein Retreat im Westen machen, müssen Sie sich mit den einfachsten Umständen auseinandersetzen und entsprechend Hingabe entwickeln. Auch im Westen müssen Sie mit den Leiden von Körper und Geist zurechtkommen und müssen danach streben, darin Mitgefühl und Freiheit zu finden. Moderne Retreats eröffnen in gewisser Weise den Zugang zum Geist der alten Waldklöster Asiens“ (Kornfield, 2013, S. 233f).

Die Erfahrungen der buddhistischen Lehrerin Sylvia Wetzels damit, welche Art von Menschen der Buddhismus im Westen anspricht, sind die, dass etwa ein Viertel derer, die sich dem Buddhismus zuwenden, nach einem religiösen Weg suchen. Ein Viertel suche nach einer neuen Lebensphilosophie und die Hälfte suche nach Lebenshilfe (vgl. Wetzel, 2003, S. 178). Dieser Trend wird vermehrt aufgegriffen durch eine Vielzahl an Angeboten, die buddhistische Meditationsanweisungen oder Empfehlungen für ein ‚gutes, glückliches Leben' verbinden mit psychologischen oder auch psychotherapeutischen Methoden. Populär ist mittlerweile das Konzept des ‚MBSR' (Mindfulness Based Stress Reduction) [7], ursprünglich von dem amerikanischen Arzt John Kabat-Zinn in den USA im klinischen Setting zur Behandlung von SchmerzpatientInnen entwickelt und eingesetzt, welches zunehmend in Deutschland von einer Vielzahl ausgebildeter MBSR-LehrerInnen als Selbsthilfekonzept in Kursen angeboten wird. Der bereits erwähnte Psychotherapeut Matthias Ennenbach hat sich die Bezeichnung „Buddhistische Psychotherapie“ [8] als geschützten Markennamen eintragen lassen. Er hat in den letzten zwei Jahren mehrere Bücher publiziert, in denen er sein Konzept in Theorie und mit praktischen Übungen präsentiert, und bietet dieses mittlerweile als Selbsthilfeprogramm sowie in Ausbildungen für BerufskollegInnen für die Anwendung in der Psychotherapie an. Ennenbach erklärt, dass er in seinem Ansatz „bewährte buddhistischen Methoden mit denen der westlich psychotherapeutischen auf heilsame Weise verknüpft“. [9]

Detlev Kantowsky stellt bereits 1994 fest, dass der Buddhismus im Western “ein strukturell bedingtes Phänomen sei, mit dessen Dauerhaftigkeit zu rechnen“ ist (Kantowsky, 1994, S. 94).

Der deutsche Buddhist Franz-Johannes Litsch versucht ebenfalls eine Erklärung für die Anziehung des Buddhismus für die westlichen Menschen. Es gehe um Werte, die wir hier in der Postmoderne dringend benötigen und nach denen es seiner Ansicht nach bei den Menschen ein Bedürfnis gebe. Es gehe um Orientierung, Verbindlichkeit, altruistische Werte, Verantwortlichkeit, die über die eigene Nasenspitze hinaussieht und sich als Teil einer Menschheit, die auf einem Planeten lebt, versteht und die versucht, ihr Handeln danach auszurichten. Er zeigt sich jedoch kritisch dem gegenüber, wozu die Menschen den Buddhismus missbrauchen: ihn zu nutzen für die weitere egozentrische Ausrichtung und Bedürfnisbefriedigung, ihn sozusagen in die destruktiven Werte, die aktuell gelebt werden und selbstund weltzerstörerisch wirken, einzuverleiben.

„Es ist dieses Bewusstsein, an dem es uns in der postmodern-modernisierten Moderne am stärksten mangelt: der Geist der Verbundenheit, der Zugewandtheit, der Solidarität, der Verlässlichkeit, des Wissens um das Angewiesensein aufeinander, der sozialen und gesellschaftlichen Fürsorge füreinander und für den Zustand unserer Welt, der „Universellen Verantwortung“, wie es der Dalai Lama nennt. Das gilt gerade auch für uns westliche Buddhisten. Trotz allem Bodhisattva-Ideal dominiert bei uns doch sehr die Suche nach dem weitgehend auf uns selbst bezogenen, vollkommenen Glück. Es stimmt einen doch sehr nachdenklich, wenn man beobachtet, dass es in den letzten Jahren bei uns kaum noch eine buddhistische Neuerscheinung (in einem größeren Verlag) gibt, die nicht das Wort „Glück“ im Titel oder Untertitel führt. Angesichts all der Glücksinflation gewinnt man aber nicht den Eindruck, dass wir irgendwie glücklicher geworden sind[ ]“ (Litsch, Franz-Johannes, 2007, o. S.).[10]

Litsch sieht im Buddhismus die Möglichkeit, eine Orientierung für die Überwindung des im Westen vorherrschenden Egozentrismus der Menschen zu finden (vgl. von Brück, 2007, S. 508f) und knüpft hiermit an die bereits erwähnte Bewegung des ‚engagierten Buddhismus' an.

  • [1] Die Zeit, Nr. 12, 2007, S. 13 in: von Brück, 2007, S. 507
  • [2] Qelle: remid.de/index.php?text=Info_Zahlen#buddhismus 22.08.2011
  • [3] Bertelsmann Stiftung (2007): Religionsmonitor 2008, S.34
  • [4] Dazu gehört z.B. der Psychologe Matthias Ennenbach, den ich im Folgenden zitiere.“ Wie bereits erwähnt, wissen wir über die Beweggründe des >Religionsstifters< Buddha kaum etwas. Das verfügbare Wissen zeigt einen jungen Mann, der als Heiler, Therapeut oder auch Philosoph nach Wegen gesucht hat, menschliches Leiden zu lindern und aufzulösen. Das hat den Buddhismus bis heute geprägt, der eben keine Religion, sondern, wie es die großen buddhistischen Lehrer und Meister immer wieder betonen, eher eine spirituelle Wissenschaft ist. Das macht ihn universell anwendbar“ (Ennenbach, 2013, S. 37). Ennenbach wiederum sieht sich im Verständnis

    z.B. eines auch im Westen populären asiatischen buddhistischen Lehrers, den er folgendermaßen zitiert: „Wer als Buddhist ausgebildet und geschult worden ist, sieht den Buddhismus nicht als Religion an. Sie oder er betrachtet ihn als eine Art Wissenschaft, eine Methode zur Erforschung unserer Erfahrungen mithilfe von Techniken, die eine bewertungsfreie und unvoreingenommene Untersuchung und Überprüfung unserer Handlungen und Reaktionen ermöglichen“ (Yongey Mingyur Rinpoche in: ebd., S. 17)

  • [5] Diese Thematik taucht in der autobiographischen Erzählung einer der Interviewpartnerinnen (Almut Zenk) ausführlich auf
  • [6] Leider gibt es auch im buddhistischen Umfeld und in seinem Namen Gewalt, dies aktuell in Birma (vgl. Buddhismus Aktuell 04/2013).
  • [7] MBSR: Mindfulness Based Stress Reduction, entwickelt von John Kabat Zinn (statt Anderer: Kabat-Zinn, John (2011): Gesund durch Meditation. Das große Buch der Selbstheilung. München).
  • [8] Ennenbachs erstes Buch ist mittlerweile in der 4. Auflage erschienen und wird auf Platz 1 bei ‚Amazon' in der Kategorie ‚Psychotherapie' geführt (vgl. amazon.de/Buddhistische- Psychotherapie-Leitfaden-heilsame-Ver%C3%A4nderungen/dp/3893856390/ref=pd_sim_b_2; abgefragt am 01.04.2013)
  • [9] buddhistischepsychotherapie.de (abgefragt am 01.04.2013).
  • [10] Festvortrag zum gemeinsamen Vesakh-Fest der Buddhistischen Union Berlin-Brandenburg (BUBB) im Mai 2007 in der Werkstatt der Kulturen in Berlin
 
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