Zur Auswahl der Interviewpartnerinnen für die Einzelfallanalysen

Ein Kriterium für die Auswahl des Interviews zur Einzelfallanalyse war für mich die Quantität und Qualität der tatsächlichen Erzählung, in der narrative Identitätsarbeit geleistet wurde. Zwar war ein weiteres Kriterium für die Auswahl, dass sich die Interviewpartnerin als buddhistische Meditationsund Dharmalehrerin identifiziert, d.h. diese Rolle als dominierende Teilidentität sichtbar wurde. Jedoch führte die hohe Identifizierung bei einigen der Interviewpartnerinnen dazu, vorrangig zu lehren, d.h. sich mit ihrem Wissen und ihrer Kompetenz zu präsentieren. D.h. sie berichteten über einen professionellen Ausbildungsweg in einer eher chronikartigen Weise und vermittelten ihr Fachwissen. Ein weiterer, kleinerer Anteil der Interviewpartnerinnen positionierte sich über ihre Identifikation in der Berufsrolle hinaus mir gegenüber mit dem Appell an mich, mich ihnen als Schülerin anzuschließen, also mit einer Art Missionierungsversuch. Da beide beschriebenen Weisen der narrativen Präsentation für die Analyse kein ergiebiges Material versprach und die missionarische Qualität zudem in der Gegenübertragung in mir eher Ablehnung und Antipathie auslöste, schloss ich diese Interviewpartnerinnen für die Einzelfallanalyse aus.

Im Laufe der Durchführung der Interviews hat sich herauskristallisiert, dass es eine deutliche Überzahl an buddhistischen Lehrerinnen in Deutschland gibt, die älter als 55 Jahre sind. Dies ist aufgrund dessen, dass sich die Kompetenz einer ebensolchen Lehrerin vorrangig durch jahrelange eigene meditative Praxis und dem Studium des buddhistischen Dharma entwickelt, nachvollziehbar. Nichtsdestotrotz wurde ich neugierig herauszufinden, ob es nicht eine jüngere Generation von buddhistischen Lehrenden gäbe, und wurde auch fündig.

So entstand die Idee, dass es interessant sein könnte, eine Art generative Auswahl für die Einzelfallanalysen zu treffen (als maximalen Kontrast), die einen Eindruck von dem Verständnis als buddhistische Lehrende und dem Weg dorthin über eine Zeitspanne einer Generationenfolge bietet. Damit könnte sich zudem eine historische Abbildung der Entwicklung der Frauen im Buddhismus in Deutschland beispielhaft an den explizierten Aspekten zeigen. Weiterhin könnten sich gesellschaftliche frauenspezifische Themen der unterschiedlichen Generationen in Deutschland zeigen sowie über die jeweilige Lebensspanne der ausgewählten Interviewpartnerinnen ebenso Entwicklungsaspekte von Identität, Geschlecht und Religiosität. Im Zusammenhang mit den zugrundeliegenden Lernund Bildungsprozessen über die gesamte Lebensspanne könnten sich zudem Hinweise über die unterschiedlichen Herangehensweise der in verschiedene gesellschaftliche Kontexte hineingeborenen Frauen der weit auseinanderliegenden Geburtsjahrgänge bieten. D.h. es könnten sich in den narrativen biographischen Darstellungen Hinweise auf die zunehmende Offenheit, Diffusität und Brüchigkeit des gesellschaftlichen Rahmens und die damit einhergehende Forderung an das Subjekt zu erhöhter individueller Konstruktionsleistung (vgl. Kraus, 2010) (und entsprechend umgekehrt) ergeben.

Leider ist es mir nicht gelungen, buddhistische Lehrerinnen zu finden, welche keine akademische Ausbildung haben. Eine der Biographieträgerinnen, die ich für die Einzelfallanalyse ausgewählt habe, hat zumindest keinen akademischen Abschluss. Somit liegt die Vermutung nahe, dass die Hinwendung zum Buddhismus in Deutschland bei Frauen in der Regel erfolgt, wenn ein hoher Bildungshintergrund vorliegt. Dies bestätigt die Beschreibung im Kapitel zum Buddhismus in Deutschland, indem explizit ein intellektueller Kreis als die historische Wurzel zur Auseinandersetzung mit dem Buddhismus in Deutschland belegt wird. Dies scheint auch heute noch zu gelten.

 
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