Zum persönlichen Forschungsprozess

Bei der Kontaktaufnahme mit den möglichen Interviewpartnerinnen war es mir ein besonderes Anliegen, ihnen gegenüber meine Vertrauenswürdigkeit zu zeigen. Dazu gehörte für mich zum einen, ihnen Informationen zu geben, die sie überprüfen könnten, wenn sie das wollten (z.B. meine Anbindung an das pädagogische Institut und den Namen meiner betreuenden Professorin). Zum anderen glaubte ich, meine Vertrauenswürdigkeit dadurch erhöhen zu können, dass ich meine eigene Verbindung zum Buddhismus benannte. Wie ich dann jedoch durch die Interviews zumindest teilweise erfuhr, führte diese Information dazu, dass meine Interviewpartnerinnen mich als Expertin in der buddhistischer Lehre und Praxis ansahen, genau wie sich selbst, und dies dazu führen konnte, dass sie sich im Interview eher als Expertin präsentierten, anstatt als jemand, die ihre persönliche Lebensgeschichte erzählt, zu der der Aspekt, die Rolle einer buddhistisch Lehrenden einzunehmen, dazu gehört. Es entstand (bei einem Teil der Interviewpartnerinnen, nicht bei allen) sozusagen ein Leistungsanspruch, sich mir gegenüber als kompetent zu zeigen. Das war natürlich nicht das, was ich ursprünglich beabsichtigt hatte, wobei es trotzdem sein kann, dass ich meine Vertrauenswürdigkeit erhöht hatte, aber meine eigentliche Absicht war ja, etwas über die Biographie dieser Frauen in einer sehr spontanen Erzählweise zu erfahren. Nachdem ich dies erkannt hatte, veränderte ich die Informationen, die ich den Frauen gab, in der Weise, dass ich mich mit meinem Wissen in Bezug auf den Buddhismus zurückhielt.

Im Folgenden möchte ich, wie oben bereits angekündigt, auf die Auswahl der Interviewpartnerinnen bzw. konkret auf die Entscheidung für eine bestimmte Interviewpartnerin, die ich bereits persönlich als Meditationslehrerin kannte, und die Erfahrungen damit im persönlichen Forschungsprozess eingehen. Ihre Auswahl als eine der ersten Frauen, mit denen ich ein Interview geführt habe, mag rückblickend damit zu tun gehabt zu haben, dass ich mich noch unsicher in der Interviewsituation fühlte. Über die bereits persönlich stattgefundenen Begegnungen mit ihr im Rahmen von Meditations-Retreats in dem von ihr geleiteten Zentrum, konnte ich etwas Sicherheit für die Interviewsituation für mich herstellen. Allerdings habe ich diese Frau nicht für eine der Einzelfallanalysen ausgewählt, weil ich beobachten konnte, dass sich eine besondere Psychodynamik zumindest von meiner Seite in ihre Richtung entwickelte, die eine emotionale Färbung einnahm, wie ich sie bei den Interviewpartnerinnen, mit denen ich persönlich nicht bekannt war, nicht einstellte. Diese Emotionalität empfand ich im Hinblick auf eine möglichst sachliche Analyse hinderlich und entschied mich (allerdings nicht nur deshalb) gegen die Auswahl für eine Einzelfallanalyse.

Selbstverständlich entstand zwischen jeder Biographieträgerin und mir eine persönliche Beziehung. Wesentlich scheint mir hier, dies so bewusst und achtsam wie möglich wahrzunehmen und immer wieder aus der Rolle als Forscherin zu reflektieren, auch mit KollegInnen, ob und wie es zu persönlichen Involviertheiten kommt, z.B. weil relevante eigene biographische Themen angesprochen waren. Seitens einer weiteren Interviewpartnerin gab es Einladungen nach dem Interview zu einem persönlichen Kontakt und zur Teilnahme an ihren Meditationsseminaren. Da ich zu diesem Zeitpunkt bereits intensiv an ihrem Interview arbeitete, war für mich sehr deutlich, dass es nicht sinnvoll ist und den Forschungsprozess erschweren würde, in dieser Zeit einen persönlichen Kontakt aufzunehmen. Forschungsethisch halte ich diese Form von Abstinenz für wichtig und verantwortungsbewusst.

 
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