Flach-Erdlinge, Mondlandungs-Leugner und Impfgegner

Warum lehnen manche Menschen wissenschaftliche Information ab?

Dr. SOPHIE HODGETTS

Dozentin für Psychologie, Universität Sunderland

Wissenschaft ist erstaunlich, nicht wahr? Durch das Studium der Biologie, Chemie, Physik und des menschlichen Verhaltens haben wir in vielen Bereichen des Lebens unglaubliche Fortschritte gemacht. Dank der Wissenschaft konnten wir einige Krankheiten ausrotten, zum Mond reisen und erstaunliche Bilder der Erde aufnehmen. Überrascht es dich, dass einige Menschen dennoch fragen: Haben wir das wirklich alles getan? Es gibt viele, die glauben, dass wir nie auf dem Mond waren, und es gibt viele, die glauben, dass die Erde tatsächlich flach ist! In der Psychologie (der Erforschung des menschlichen Geists und Verhaltens) nennen wir diese Art von Glauben eine Verschwörungstheorie.

Eine Verschwörungstheorie ist eine Erklärung eines Ereignisses, die böswillig Handelnde mit negativen Beweggründen annimmt, ohne dass diese Annahmen auf Fakten beruhen.

Es gibt viele verschiedene Verschwörungstheorien, doch einige

Themen führen häufiger zu Verschwörungstheorien als andere. Zu den häufigeren Themen, die mit Verschwörungstheorien verbunden sind, gehören neue technische und wissenschaftliche Errungenschaften. Zum Beispiel argumentieren Leute, die glauben, dass wir nicht auf dem Mond waren, die NASA habe das ganze Ereignis vorgespielt und gefälschte Fotos und Filmaufnahmen produziert. Auch viele Menschen, die glauben, dass die Erde flach ist, beschuldigen die NASA und meinen, dass Beweise, die eine flache Erde zeigen, unterdrückt werden, während die Beweise, die die Erde als Kugel zeigen, tatsächlich gefälscht sind. In vielen Fällen meinen die Verschwörungstheoretiker, dass es den Urhebern der angeblichen Fälschungen um Geld geht: Es sei billiger, eine Raumfahrtmission vorzuspielen, als sie wirklich durchzuführen.

Echokammern

In den letzten Jahren haben viele Forscher bemerkt, dass Verschwörungstheorien nicht mehr in kleinen Ecken des Internets vorkommen, sondern auch in den großen Nachrichtenmedien, auf YouTube und in sozialen Medien. Das hat einige Psychologen vermuten lassen, dass die Verfügbarkeit des Internets auch die Verbreitung von Verschwörungstheorien gefördert hat. Zwar müssen wir das noch weiter erforschen, aber es gibt einige Hinweise, dass die sozialen Medien eine Rolle spielen. Wenn zum Beispiel jemand einer Facebookgruppe für Menschen beitritt, die an eine bestimmte Verschwörungstheorie glauben, dann geben die Algorithmen von Facebook der Person immer mehr Informationen über dieses spezielle Thema. So werden Onlinegruppen oft zu Echokammern für Verschwörungstheorien. Eine Echokammer ist definiert als eine Umwelt, in der jemand nur Informationen findet, die seine Überzeugungen bestätigen, weil alle anderen Informationen verworfen werden. In unserem Beispiel wird jemand in einer Facebookgruppe für Leute, die an eine bestimmte Verschwörungstheorie glauben, mit großer Wahrscheinlichkeit selbst Teil der Echokammer dieser Theorie.

Schon lange, bevor es das Internet gab, haben Menschen an Verschwörungstheorien geglaubt. Dafür gibt es viele Gründe: Psychologische Forschungen zeigen, dass Menschen, die von sich aus sehr paranoid oder misstrauisch gegenüber anderen sind, eher an mindestens eine Verschwörungstheorie glauben. Es gibt auch Hinweise, dass Menschen, die allgemein sehr ängstlich sind, eher an Verschwörungstheorien glauben. Das könnte daran liegen, dass uns eine Gruppe von Menschen mit ähnlichen Überzeugungen das Gefühl gibt, weniger ängstlich zu sein und Unterstützung von anderen zu haben. Der Glaube an Verschwörungstheorien kann Menschen helfen, sich wichtig zu fühlen, als ob sie Zugang zu besonderem, einzigartigem Wissen haben, den sonst niemand hat. Aus diesem Grund führen Verschwörungstheorien wohl auch zu einer Wir-gegen-sie-Haltung, die eine Gruppe sehr stark machen kann, weil sie enger zusammenhält und die Mitglieder sich gegenseitig unterstützen. Interessanterweise gibt es Hinweise, dass Zeiten gesellschaftlicher oder politischer Unruhen mit mehr Glauben an Verschwörungen verbunden sind. Wahrscheinlich liegt das an den positiven Effekten, die die Teilhabe an einer Gruppe auf unsere Angstgefühle hat. Es scheint auch wahrscheinlich, dass der Grund für die heutige Popularität von Verschwörungstheorien zum Teil in der derzeitigen politischen Unsicherheit und dem globalen Gefühl der Ungewissheit liegt.

Spielen Verschwörungstheorien eine Rolle?

Warum spielt es eine Rolle, dass manche Menschen an Verschwörungstheorien glauben? Denken wir an einige Verschwörungstheorien über Wissenschaft. In einer Umfrage sagte einer von je fünf Briten, dass sie Impfungen für gefährlich halten. Einige Wissenschaftler halten dies für ein Beispiel für »Wissenschaftsleugnung«: eine schädliche Ablehnung der Wissenschaft, die immer populärer zu werden scheint. Dass dieser Glaube schädlich ist, liegt auf der Hand. So lassen viele Menschen ihre Kinder nicht mehr gegen Masern impfen, weil sie glauben, die Impfung sei gefährlich. Dadurch ist es in Europa und global in den letzten Jahren zu einem erneuten massiven Anstieg der Masernfälle gekommen. In Deutschland gilt seit 1.3.2020 eine Masernimpfpflicht.

Masern

Die Masern sind eine sehr ansteckende Krankheit. Der Virus wird in der Luft übertragen. Symptome treten nach zehn bis vierzehn Tagen auf, nachdem du mit dem Virus infiziert wurdest, und es dauert weitere zehn bis vierzehn Tage, bis die Krankheit vorüber ist. An Masern Erkrankte haben sehr hohes Fieber und die Haut ist von rotem Ausschlag bedeckt. Auch Husten, eine laufende Nase und entzündete Augen haben viel Masernkranke. Manche bekommen auch Durchfall oder eine Lungenentzündung. Auch zu Entzündungen der Ohren, der Augen oder des Gehirns kann es kommen. Das kann zu dauerhaften Schäden führen. Die Widerstandskraft gegen andere Krankheiten kann ebenfalls verringert sein. Einige Menschen, vorallem die, die unter Mangelernährung leiden, sterben an den Masern. Soweit wir wissen, können sich nur Menschen anstecken; es gibt keinen einzigen Fall von Masern bei Tieren.

Was können wir tun, um die Verbreitung schädlicher Verschwörungstheorien zu begrenzen? Das ist eine schwierige Frage, weil viele Menschen, die an Verschwörungstheorien glauben, tatsächlich wie Wissenschaftler denken. Kritisch zu denken und das zu hinterfragen, was wir sehen, ist eine wichtige Fähigkeit für jeden Forscher. Daher ist »Wissenschaftsleugnung« vielleicht gar nicht die richtige Beschreibung für Menschen, die an eine Verschwörungstheorie glauben. Wenn man jemanden so in eine Schublade steckt, dann entfremdet man ihn unter Umständen nur noch weiter. Als Wissenschaftler sollten wir immer versuchen, uns auf Menschen einzulassen, die Zweifel haben oder die von der Wissenschaft enttäuscht sind oder ihr misstrauen. Es ist auch sehr wichtig, dass Wissenschaftler ihre Arbeit effektiv kommunizieren und verdeutlichen, warum das, was sie tun, für andere Menschen relevant ist. Und schließlich - und das ist wohl der schwierigste Teil - sollten Wissenschaftler versuchen, ein Vertrauensverhältnis zu ihrem Publikum aufzubauen. Dazu gehört es, aktiv über Wissenschaft zu sprechen und zudem der Versuchung zu widerstehen, sich über Menschen lustig zu machen, die andere Überzeugungen haben. Vielmehr ist es wichtig, solchen Menschen zuzuhören, um herauszufinden, wo sie ihre Informationen herhaben, und zu überlegen, warum sie möglicherweise einer bestimmten Verschwörungstheorie anhängen. So können wir beginnen, eine positive Beziehung zwischen Wissenschaftlern und Bevölkerung aufzubauen und die Verbreitung schädlicher Informationen zu begrenzen.

 
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