Leben im Weltraum

Warum fliegen wir in den Weltraum?

Professor STEPHEN HAWKING

Warum fliegen wir in den Weltraum? Warum unternehmen wir so große Anstrengungen und geben so viel Geld aus für ein paar Brocken Mondgestein? Haben wir hier auf der Erde denn nichts Besseres zu tun?

Doch wenn wir in den Weltraum vordringen, wird das gewaltige Auswirkungen haben. Es wird die Zukunft der Menschheit grundlegend verändern; vielleicht entscheidet es sogar darüber, ob wir überhaupt eine Zukunft haben.

Die Erforschung des Weltraums wird unsere aktuellen Probleme auf dem Planeten Erde nicht lösen, aber sie trägt dazu bei, dass wir diese Probleme anders wahrnehmen. Es ist an der Zeit, dass wir den Blick eher nach draußen ins Universum richten als auf uns selbst und unseren zunehmend überbevölkerten Planeten.

Dass man Menschen draußen im Weltraum ansiedelt, wird so bald nicht der Fall sein. Damit meine ich, es dauert womöglich ein paar Hundert oder sogar ein paar Tausend Jahre. Wir könnten innerhalb von 30 Jahren einen Stützpunkt auf dem Mond haben, innerhalb von 50 Jahren den Mars erreichen und innerhalb von 200 Jahren die Monde der äußeren Planeten erforschen. Mit »Erreichen« meine ich bemannte -oder soll ich lieber sagen, »bemenschte«? - Raumflüge. Wir haben bereits Rover auf dem Mars herumfahren und eine Sonde auf dem Saturnmond Titan landen lassen, aber wenn wir uns mit der Zukunft der menschlichen Spezies befassen, müssen wir uns selbst dorthin begeben und dürfen nicht nur Roboter hinschicken.

Doch wohin eigentlich? Nachdem Astronauten monatelang in der Internationalen Raumstation gelebt haben, wissen wir zwar, dass Menschen auch anderswo überleben können als auf dem Planeten Erde. Aber wir wissen auch, dass das Leben in der schwerelosen Umgebung der Raumstation nicht nur dann schwierig ist, wenn man eine Tasse Tee trinken möchte. Es bekommt den Menschen nicht sonderlich gut, lange Zeit in einem schwerelosen Umfeld zu leben, und das bedeutet: Sollten wir je einen Stützpunkt im Weltraum haben, dann muss er sich auf einem Planeten oder einem Mond befinden.

Schwerelosigkeit

Für eine längere Zeit in der Schwerelosigkeit zu leben, kann die menschliche Gesundheit schädigen. Manche Menschen leiden an der »Weltraumkrankheit« - unter anderem ist ihnen übel und schwindlig, und sie haben Kopfweh. Das dauert jedoch meist nicht länger als drei Tage an. In der Schwerelosigkeit baut auch die menschliche Muskulatur ab, darum müssen Astronauten so viel trainieren. Die Blutzirkulation verlangsamt sich, die Gesichter der Astronauten schwellen infolge dieser Kreislaufprobleme an. All diese Beschwerden verschwinden aber schnell, wenn die Astronauten wieder zur Erde zurückgekehrt sind.

Aber welchen Himmelskörper sollen wir dafür auswählen? Die nächstliegende Wahl ist unser Mond. Er ist nah und ziemlich leicht zu erreichen. Dort sind bereits Menschen gelandet und mit einem offenen

Fahrzeug herumgefahren. Andererseits ist der Mond klein und hat weder eine Atmosphäre noch ein Magnetfeld, das die Sonnenwindteilchen ablenken würde, wie das bei der Erde der Fall ist. Es gibt kein flüssiges Wasser, aber möglicherweise Eis in den Kratern am Nord- und am Südpol. Für eine Kolonie auf dem Mond könnte man dieses Eis als Sauerstoffquelle nutzen und die Energie könnte durch Atomkraft oder von Solarzellen geliefert werden. Der Mond könnte also als Ausgangspunkt für Flüge ins übrige Sonnensystem dienen.

Und was ist mit dem Mars? Er ist unser nächstes nahe liegendes Ziel. Der Mars ist weiter von der Sonne entfernt als der Planet Erde und bekommt deshalb weniger Wärme von der Sonne, sodass die Temperaturen dort viel niedriger sind. Früher einmal besaß der Mars ein Magnetfeld, das jedoch vor etwa vier Milliarden Jahren verschwand, was zur Folge hatte, dass Mars einen Großteil seiner Atmosphäre einbüßte. Die heutige Marsatmosphäre hat nur ein Prozent des Drucks der Erdatmosphäre.

Früher muss der atmosphärische Druck - er entspricht dem Gewicht der Luft über uns in der Atmosphäre - auf dem Mars höher gewesen sein, weil Geländeformationen zu sehen sind, bei denen es sich offenbar um ausgetrocknete Wasserläufe und Seen handelt. Unter den heutigen Bedingungen kann es auf dem Mars kaum flüssiges Wasser geben. An der Oberfläche würde es sofort zu Eis und infolge des geringen atmosphärischen Drucks langsam verdunsten.

Allerdings gibt es eine Menge Wasser in Form von Eis an den beiden Polen. Würden wir auf dem Mars leben, könnten wir das verwenden. Wir könnten auch die Minerale und Metalle verwenden, die bei Vulkanausbrüchen an die Oberfläche gelangt sind.

Der Mond und der Mars wären also möglicherweise ganz gut für uns geeignet. Und wo im Sonnensystem könnten wir sonst noch hin? Merkur und Venus sind viel zu heiß, Jupiter und Saturn sind Gasriesen ohne feste Oberfläche.

Wir könnten es mit den Marsmonden versuchen, doch die sind sehr klein. Besser geeignet wären vielleicht einige Jupiter- und Saturnmonde. Der Saturnmond Titan zum Beispiel ist größer und besitzt mehr Masse als unser Mond und er hat eine dichte Atmosphäre.

Im Rahmen der Cassini-Huygens-Mission der NASA und der Europäischen Raumfahrtbehörde ESA landete eine Raumsonde auf Titan, die Bilder von seiner Oberfläche zur Erde zurückfunkte. Allerdings ist es dort sehr kalt, weil Titan so weit von der Sonne entfernt ist, und ich zumindest hätte wenig Lust, an einem See aus flüssigem Methan zu wohnen.

Wie steht es mit Regionen außerhalb unseres Sonnensystems? Aus Beobachtungen des Universums wissen wir, dass ziemlich viele Sterne von Planeten umkreist werden. Bis vor Kurzem konnten wir nur riesige Planeten so groß wie Jupiter oder Saturn sehen. Doch inzwischen entdecken wir auch kleinere erdähnliche Planeten. Einige müssten sich in der sogenannten bewohnbaren Zone befinden, also in einer Entfernung von ihrem Stern, in der es flüssiges Wasser auf der Oberfläche geben kann. Im Umkreis von zehn Lichtjahren um die Erde gibt es schätzungsweise tausend Sterne. Wenn ein Prozent davon einen Planeten von der Größe der Erde in der bewohnbaren Zone besitzt, haben wir bereits zehn Kandidaten für neue Welten.

Im Augenblick können wir noch nicht sehr weit durch das Universum reisen. Wir können uns noch nicht einmal vorstellen, wie es je gelingen soll, derart große Entfernungen zurückzulegen. Aber genau das sollten wir in den nächsten 200 bis 500 Jahren anstreben. Die Menschen existieren seit etwa zwei Millionen Jahren als eigene Spezies. Die Zivilisation begann vor etwa 10000 Jahren und seitdem hat sich die Entwicklung laufend beschleunigt. Jetzt haben wir ein Stadium erreicht, in dem wir mutig in Regionen vordringen können, die noch nie ein Mensch gesehen hat. Und wer weiß, was wir dort vorfinden und wen wir antreffen? (Übersetzt von Irene Rumler)

 
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