Die Zukunft der Ernährung

Dr. MARCO SPRINGMANN

Leitender Forscher über Bevölkerungsgesundheit, Oxford-Martin-School (Institut der Universität Oxford)

Uber die Zukunft der Ernährung wurden viele Vorhersagen angestellt. Sie reichen von »essbarer Luft« bis zur »Mahlzeit in der Pille«. Hochtechnische neuartige Lebensmittel, auch »Novel Food« genannt, sind ein Grundthema von Zukunftsforschern und beschäftigten auch die frühen Raumfahrtmissionen. Wärst du an Bord eines Raumschiffs in den 1960er-Jahren gewesen, dann hättest du Tuben mit zahnpastaartigem, flüssigem oder püriertem Essen zum Frühstück gehabt, ein paar mundgroße Essenswürfel zu Mittag und vielleicht etwas gefriergetrocknetes Pulver als Abendessen. Keine appetitanregende Aussicht!

Aber der anfängliche Enthusiasmus der Ernährungsforscher für Vitamin- und Nahrungspillen ist heute einem neuen Fokus auf ganzheitliches Essen gewichen. Nimm einen einfachen Apfel: Äpfel enthalten - genau wie anderes Obst und Gemüse - eine komplexe Mischung aus Tausenden von Verbindungen, die die Zellen im Körper vor Schäden schützen. Wenn man sie als ganze Frucht isst, können Äpfel helfen, uns vor chronischen Krankheiten wie Krebs oder Herzkrankheiten zu schützen.

Wissenschaftler haben versucht, das, was sie für die aktiven Inhaltsstoffe hielten, zu extrahieren: zum Beispiel Vitamin C aus Äpfeln und anderen Früchten, Vitamin E aus Blattgemüsen wie Spinat und Betacarotin aus orangem Gemüse wie Karotten. Doch es hat sich gezeigt, dass diese Extrakte in Pillenform in vielen Fällen nicht die schützenden Wirkungen haben und manchmal sogar zu einer Zunahme chronischer Krankheiten führen. Du musst wirklich das ganze Lebensmittel essen, um den gesundheitlichen Nutzen zu haben.

Was du heutzutage in der Kantine eines Raumschiffs oder an Bord einer Raumstation bekommen würdest, ähnelt mehr dem, was wir auch hier auf der Erde essen. Wie wäre es etwa mit Kartoffelbrei, Nüssen, Broccoli und sogar einem Apfel am Tag?

Denken wir etwas weiter über die Zukunft der Ernährung nach. Dazu ist es hilfreich, zu bestimmen, wovon unser Essen beeinflusst wird. Und wie beeinflusst unser Essen unsere eigene Gesundheit und den Zustand unseres Planeten (und jeden zukünftigen Planeten, den wir vielleicht besiedeln) ?

Ich beginne mit einer scheinbar einfachen Frage: Warum isst du, was du isst?

Vielleicht isst du eine bestimmte Mahlzeit, weil du den Geschmack magst oder weil du hungrig bist. Vielleicht isst du sie, weil sie eben da ist und jemand sie dir zubereitet hat. Warum, denkst du, hat dieser Jemand sich entschieden, genau diese Mahlzeit zu kochen und nicht etwas anderes? Warum gibt es überhaupt das Rezept für diese Mahlzeit?

Wissenschaftler überlegen sich ähnliche Fragen, wenn sie vorauszusagen versuchen, wie und was die Menschheit in Zukunft essen könnte. Sie untersuchen, welche Lebensmittel bisher wo hergestellt werden konnten und wurden. In Europa wären das unter anderem Milch, Fleisch, Weizen und verschiedene Wurzelgemüse wie Kartoffeln oder Karotten, aber natürlich auch Obst wie Äpfel oder Erdbeeren. Dann überlegen sie, wie viele Menschen da sind, die die produzierten Lebensmittel essen wollen, wie viel Geld diese Menschen für Lebensmittel haben, welche anderen Lebensmittel woanders verfügbar sind und ob es leicht möglich wäre, einige Lebensmittel aus der eigenen Region mit Lebensmitteln aus ferneren Ländern zu tauschen.

Wissenschaftler fanden dabei Folgendes heraus: Wenn Menschen reicher werden, dann konsumieren sie insgesamt mehr, vor allem mehr

Fleisch, Milchwaren, Zucker und Öle. Andererseits essen sie weniger Getreide und Bohnen. Diese Beobachtung führt zu zwei Problemen, vor denen wir wohl in einer Zukunft mit mehr Menschen und einem höheren Einkommen weltweit stehen werden: Das erste Problem betrifft die Umwelt, das zweite unsere Gesundheit.

Viele Denker in den letzten 200 Jahren haben befürchtet, dass wir auf der Erde nicht genügend Lebensmittel produzieren können, um eine wachsende Bevölkerung zu ernähren. Dazu kommt die Frage, ob wir die Lebensmittel auf eine Weise produzieren können, die der Umwelt nicht schadet.

Eine der größten Gefahren für unser Überleben auf dem Planeten Erde dürfte der Klimawandel sein. Und die Ernährung ist hier nicht unbedeutend. Derzeit werden fast ein Drittel aller Treibhausgase, die den Klimawandel auslösen, bei der Lebensmittelproduktion erzeugt. Und diese Menge dürfte weiter steigen, wenn Menschen immer mehr Fleisch konsumieren.

Rindfleisch ist dabei bei Weitem der größte Schuldige. Kühe erzeugen in ihrem Verdauungstrakt Treibhausgase durch die Gärung des Futters im Pansen, dem ersten Abschnitt ihres Magens. Ja, ich spreche vom Rülpsen und Furzen! Außerdem braucht der Anbau von Futterpflanzen für die Rinder und andere Nutztiere Dünger, was ebenfalls Treibhausgase erzeugt. Daher erzeugt Rindfleisch fast 250-mal so viel Treibhausgas pro Gramm Protein wie pflanzliche Lebensmittel wie Linsen und Bohnen und über 20-mal so viel Treibhausgas pro Portion wie Gemüse. Andere tierische Lebensmittel wie Eier, Milch, Schweinefleisch, Huhn und einige Meerestiere verursachen wesentlich weniger Treibhausgase als Rindfleisch, und pflanzliche Lebensmittel verursachen am wenigsten.

Es überrascht daher nicht, dass Wissenschaftler, um den Planeten zu retten, dazu aufgerufen haben, von einer Ernährung mit vielen tierischen Produkten auf eine stärker pflanzliche Ernährung umzusteigen. Und die Lebensmittelindustrie nimmt das eifrig auf: Sie bietet sojabasierten Fleischersatz, Algenextrakte und Fleischsorten, deren Produktion weniger Treibhausgase erzeugt, etwa im Labor gewachsenes Fleisch oder essbare Insekten. Vielleicht gehörst du zu den zukünftigen Wissenschaftlern, die in diesem Bereich forschen werden, und hilfst dabei, Lebensmittel zu produzieren, die die Welt ernähren, ohne dem Planeten zu schaden?

Denken wir jetzt an die Gesundheit. Ein Umstieg auf mehr pflanzliche Nahrung vermeidet auch einige der Gesundheitsrisiken, die uns sonst mit der erwarteten Zunahme des Konsums von Fleisch, Milch, Zucker und Ölen drohen. Verarbeitetes Fleisch - wie Burger, Würste und Chicken Nuggets, aber auch etwa panierter Fisch - wurde vor Kurzem als krebserregend erkannt. Das bedeutet, dass jeder, der über viele Jahre hinweg eine Menge davon isst, ein größeres Risiko hat, Krebs zu entwickeln. Aber auch unverarbeitete Formen von Schweine- oder Rindfleisch wurden mit einem größeren Risiko an Krebs und anderen chronischen Erkrankungen in Zusammenhang gebracht.

Gleichzeitig tragen energiereiche Lebensmittel mit viel Zucker und Fett - denk an stark verarbeitete Produkte wie Kekse, Chips, Pommes Frites, zuckerhaltige Getränke und ähnliche Dinge - dazu bei, dass mehr Menschen übergewichtig werden. Mit dem Übergewicht steigt das Risiko für Krebs und andere chronische Krankheiten ebenfalls. Manchmal werden solche Lebensmittel als »leere Kalorien« beschrieben - Kalorien ohne Nährwert. Sie machen uns nicht satt und oft knabbern wir zwischen den Mahlzeiten. Andere nennen sie Junkfood (etwa: »Abfall-Essen«). Du kannst dir sicher vorstellen, warum.

Was ergibt sich aus dem allen nun? Es scheint klar, dass die Ernährung der Zukunft von den Trends der Vergangenheit zu mehr und mehr Fleisch, Milch, Zucker und Öl abweichen muss, damit der Klimawandel und die Ernährungskrankheiten keine gefährlichen Ausmaße annehmen. Eine gesunde und umweltfreundliche Ernährung für die Zukunft enthält wenig ungesunde und treibhausgasintensive Zutaten (wie dies bei den meisten Tierprodukten und stark verarbeiteten, zucker- und fettreichen Lebensmitteln der Fall ist). Stattdessen ist sie reich an gesundheitsfördernden und wenig intensiven Zutaten wie Vollkorn, Nüssen, Obst, Gemüse und Hülsenfrüchten.

Wie wäre es, auf deiner nächsten Reise zum Mars statt eines Hamburgers mit Pommes vielleicht eine Linsen-Bohnen-Frikadelle in einem Vollkornbrötchen mit Salat und Tomate zu probieren? Dazu eine Zahnpastatube voll Algen, wenn du möchtest. Und dein Lieblingsobst als Dessert. Guten Appetit!

 
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