Mussten alle Juden einen gelben Stern tragen?

Schon länger hatten führende Nationalsozialisten auf eine Kennzeichnung der Juden gedrängt. Nach dem Novemberpogrom 1938 zum Beispiel hatte Reinhard Heydrich dies in einer hochrangigen Besprechung vorgeschlagen. Erst im August 1941 gab Hitler jedoch sein Einverständnis, was am 1. September 1941 in eine Polizeiverordnung mündete, der zufolge alle Jüdinnen und Juden ab sechs Jahren ab dem 15. September für jeden sichtbar und angenäht einen gelben Stern mit der Aufschrift «Jude» tragen mussten. Überdies durften sie ihre Wohngemeinde nicht mehr ohne schriftliche Erlaubnis verlassen. Der Zwang zum Tragen des «Judensterns» galt nicht für jüdische Frauen, die mit einem nichtjüdischen Mann verheiratet waren, oder einen jüdischen Mann, der Kinder, die nicht als Juden galten, zusammen mit einer Nichtjüdin hatte.

Nach der Einführung des J-Stempels in Reisepässen von Juden im Herbst 1938 war dies nun eine nach außen für alle sichtbare Markierung von Juden und damit ein tiefer Einschnitt und wichtiger Baustein zu ihrer weiteren Isolation, kurz bevor die Deportationen aus dem Deutschen Reich begannen. Victor Klemperer sah in ihm «Umwälzung und Katastrophe». Durch den Stern nun für alle als Jude erkennbar, mussten er und viele andere Jüdinnen und Juden vermehrt Beschimpfungen und mitunter auch Gewalt vonseiten der nichtüdischen Deutschen, oft von Jugendlichen, erleiden. Nur manche zeigten den gebrandmarkten Menschen demonstrativ Solidarität und Mitgefühl, sei es durch Grüßen, durch aufmunternde Worte oder stille Gesten. Mit der Zeit nahmen jedoch auch diese vereinzelten Zeichen der Verbundenheit ab.

Vor der Kennzeichnungspflicht für Juden im Deutschen Reich sowie dem Protektorat Böhmen und Mähren hatten die deutschen Besatzer ähnliche Verordnungen bereits in besetzten Ländern erlassen. In den annektierten westpolnischen Gebieten zum Beispiel mussten Juden einen «Judenstern» tragen, im Generalgouvernement eine weiße Armbinde mit einem blauen Davidstern. In anderen besetzten Ländern wurden solche Kennzeichnungen erst 1942 eingeführt, so in Belgien, Frankreich und den Niederlanden, wo ebenfalls ein gelber Stern getragen werden musste.

Die Idee einer äußerlich sichtbaren Kennzeichnung der Juden hatte eine lange unselige Tradition. Das Vierte Laterankonzil zum Beispiel hatte 1215 eine weithin sichtbare Kennzeichnung beschlossen. Diese wich örtlich voneinander ab und bestand manchmal in der Pflicht zum Tragen eines sogenannten Judenhutes, eines spitzen, meist gelben Hutes, oder zum Tragen eines Stoffflickens, gleichfalls häufig gelb.

 
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