War die SS nur das «Alibi einer Nation» oder war sie die Elitetruppe des Völkermords?

Lange Zeit galt Heinrich Himmlers SS nach dem Krieg nicht nur als federführend bei der Verfolgung und Ermordung der Juden. Die SS-Männer wurden zudem vielfach als Sadisten und Mischung aus gescheiterten Existenzen und eiskalten genialischen bzw. faustischen Charakteren beschrieben, denen die alleinige Verantwortung für den Holocaust zugewiesen wurde. So entlastete sich die postnationalsozialistische Gesellschaft ebenso plump wie lange Zeit erfolgreich selbst und machte die SS zum «Alibi einer Nation», wie der englische Forscher Gerald Reitlinger sie 1956 treffend nannte. An die Stelle dieser überkommenen Zerrbilder ist heute dank vielfältiger Forschung ein differenziertes und facettenreiches Bild getreten.

Die 1923 und nach einem Verbot 1925 erneut als Schutzstaffel gegründete SS entwickelte sich nach der Machtübernahme 1933 zur zentralen Organisation des NS-Terrors in Deutschland und später in den besetzten Gebieten. Heinrich Himmler, der sie seit 1927 anführte, baute ihre Machtposition gezielt aus, indem er beispielsweise die SA ausbootete und mit den Konzentrationslagern und durch die zunehmende Verschmelzung mit der Polizei den Wirkungskreis der SS erheblich ausweitete. Das Bild, das die SS bot, war vielfältig - zum einen waren da die vielen brutalen, auch sadistischen niederen Chargen, die in den Lagern die ihnen wehrlos ausgelieferten Gefangenen quälten, zum anderen gab es den kühlen und intelligenten Gestapo-Mann nicht nur in der NS-Propaganda. Schließlich agierten abseits der Öffentlichkeit junge Akademiker in den Reihen der SS und ihres

Sicherheitsdienstes, die sich in den völkischen Milieus an den Universitäten in den zwanziger und dreißiger Jahren radikalisiert hatten und als gut ausgebildete, oft promovierte Elite vornehmlich junger Juristen die rassistische Verfolgungspraxis nüchtern planten und vorantrieben. Diese jungen Weltanschauungstäter stellten in großer Mehrheit das Führungskorps der Sicherheitspolizei und des Reichssicherheitshauptamtes (RSHA). Dort trieben sie in zahlreichen Denkschriften und Besprechungen, aber auch in der Praxis als Führer der mobilen Einsatzgruppen und Sonderkommandos sowie als Befehlshaber regionaler SS- oder Sicherheitspolizeidienststellen in den besetzten Gebieten den Mord an den europäischen Juden voran. Zu dieser Gruppe gehörten auch die «Eichmann-Männer» (Hans Safrian) aus Adolf Eichmanns Referat im RSHA, die wie Alois Brunner oder Dieter Wilesceny als Spezialisten in die jeweiligen besetzten oder verbündeten Länder kamen und mit Nachdruck auf die Deportation der dortigen Juden drängten und sich bemühten, auftauchende Schwierigkeiten und Hürden aus dem Weg zu räumen. Zwischen diesen beiden «Polen» gab es in den Reihen der Täter und Mörder in der SS in den Lagern, Gestapo-Dienststellen, Terrorzentralen und Einsatzgruppen viele Facetten und Schattierungen von Verhaltensweisen bis hin zu Fällen wie Arthur Nebe, der als Chef der Kriminalpolizei wesentlich für die Verfolgung von Homosexuellen oder Sinti und Roma und einige Monate als Leiter der Einsatzgruppe B für die Ermordung von zehntausendenJuden verantwortlich war. Er hatte später Verbindungen zum Widerstandskreis um Hans Oster im Amt Abwehr, wurde denunziert, in einem Konzentrationslager inhaftiert und kurz vor Kriegsende getötet.

In allen Bereichen ihres Wirkens war die SS auf die Unterstützung und Mitwirkung vieler weiterer Institutionen angewiesen, deren Protagonisten nach 1945 nachdrücklich am Bild einer allein verantwortlichen SS mitzeichneten, um sich selbst und ihre Behörden reinzuwaschen. Die Zivilverwaltungen aller Ebenen waren sowohl in Deutschland als auch in den besetzten Ländern an den meisten Etappen der Verfolgung und Ermordung der Juden aktiv beteiligt, mitunter waren sie gar treibende Kraft, weil die verantwortlichen

Beamten die Juden in ihrem Zuständigkeitsbereich möglichst schnell «loswerden» wollten. Nach dem Krieg schufen diese Beamten den Mythos einer sauberen Verwaltung, die nach Kräften versucht habe, sich der verbrecherischen SS entgegenzustellen. Diese Legendenstrickerei verfing vielfach, und viele der Täter in den Reihen der Beamtenschaft gingen straffrei aus und konnten ihre Karrieren nahezu bruchlos fortsetzen. Das Bild vom Holocaust als ein arbeitsteiliges Verbrechen vieler beteiligter Personen und Institutionen weit über den SS- und Polizeiapparat hinaus hat sich gegen Widerstände erst spät und sehr langsam durchgesetzt.

 
Quelle
< Zurück   INHALT   Quelle   Weiter >