War die Ermordung der Juden ein Konferenzbeschluss?

Bis heute hält sich hartnäckig die Fehlinformation, auf der Wannsee-Konferenz am 20. Januar 1942 sei die Ermordung der Juden beschlossen worden. Die in ihrer Bedeutung für den Holocaust weit überschätzte Zusammenkunft von vielfach zweitrangigen Funktionären aus Ministerien, Sicherheitsbehörden und Besatzungsapparaten fand zu einem Zeitpunkt statt, als bereits hunderttausende Juden erschossen waren und mit Kulmhof das erste Vernichtungslager mit dem Morden begonnen hatte. Weder der Zeitpunkt noch der Teilnehmerkreis waren geeignet für einen Beschluss solcher Tragweite.

Eingeladen zu der Konferenz in der Villa Am Großen Wannsee 56-58 hatte Reinhard Heydrich, der Chef des Reichssicherheitshauptamtes (RSHA). Heydrich wollte mit dem Treffen seine Position stärken und seine Zuständigkeit für das Gebiet untermauern. Überdies ging es ihm darum, Grundsatzfragen rund um die Ermordung der Juden zu besprechen, etwa die Behandlung der sogenannten Mischlinge. Die 15 Teilnehmer waren neben Heydrich selbst Adolf Eichmann (RSHA), Otto Hofmann (Rasse- und Siedlungshauptamt der SS), Rudolf Lange (RSHA), Heinrich Müller (Chef der Gestapo), Eberhard Schöngarth (Kommandeur der Sicherheitspolizei im Generalgouvernement), Joseph Bühler (Staatssekretär, Regierung des Generalgouvernements), Roland Freisler (Staatssekretär im Reichsjustizministerium), Gerhard Klopfer (Parteikanzlei der NSDAP), Friedrich Wilhelm Kritzinger (Unterstaatssekretär, Reichskanzlei), Georg Leibbrandt (Hauptabteilungsleiter im Reichsministerium für die besetzten Ostgebiete), Martin Luther (Unterstaatssekretär im Auswärtigen Amt), Alfred Meyer (Staatssekretär im Reichsministerium für die besetzten Ostgebiete), Erich Naumann (Staatssekretär beim Beauftragten für den Vierjahresplan) und Wilhelm Stuckart (Staatssekretär im Reichsinnenministerium). Dieser Personenkreis macht deutlich, dass es um eine arbeitsteilige Aufgabe ging, in die Polizei, SS, Partei, Justiz und Zivilverwaltung eingebunden waren und bei der Vertreter aller dieser Bereiche auch mitreden wollten. Die Herren kannten die Grundlage, auf der sie berieten - die bereits begonnene Ermordung der Juden. Vor diesem Hintergrund besprachen sie den Umfang des Mordens, indem sie zum Beispiel diskutierten, wie mit «Mischlingen» zu verfahren sei. Grundsätzliche Einwände gegen das Staatsverbrechen erhob keiner der Anwesenden, im Gegenteil - Staatssekretär Bühler zum Beispiel wünschte, es möge «mit der Endlösung dieser Frage im Generalgouvernement begonnen» werden, weil dem keine Transportschwierigkeiten im Wege stünden.

Nach dem Krieg kam die Besprechung nur durch Zufall ans Licht, da amerikanische Ermittler in den Akten des Auswärtigen Amts auf ein Exemplar des Protokolls stießen, das Adolf Eichmann geschrieben und an alle Teilnehmer geschickt hatte. Obwohl Eichmann sich bemüht hatte, den Gesprächsgegenstand mit Hilfe einer Tarnsprache in Nebel zu hüllen, offenbarte das zynische Protokoll den wahren Charakter der Besprechung und seiner Teilnehmer.

Die Villa am Großen Wannsee diente nach dem Krieg lange Zeit als Schullandheim. Der Überlebende und Historiker Josef Wulf setzte sich viele Jahre vergeblich dafür ein, in der Villa ein Dokumentationszentrum einzurichten. Erst 1986, zwölfjahre nach Wulfs Tod, wurde dies aufgegriffen, und der Berliner Senat setzte eine Kommission ein; 1989 folgte die Umwidmung der Villa zur Gedenkstätte, die 1992 schließlich eröffnet wurde.

 
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