Waren die Krankenmorde ein Probelauf für die Ermordung der Juden?

Die Ermordung von rund 70000 unheilbar Kranken von Herbst 1939 bis Sommer 1941 steht in einem engen Zusammenhang mit dem systematischen Massenmord an den europäischen Juden in den Vernichtungslagern. Sie als Probelauf zu bezeichnen, ginge allerdings zu weit, da bis zum Sommer 1941 die Vergasung von mehreren Millionen Juden noch nicht Plan der Nationalsozialisten war. Treffender ließe sich von einem Fundus an Erfahrungen und von Tötungsexpertise sprechen, die man sich später zunutze machte.

Am augenfälligsten ist gewiss die Mordtechnik. Die Erfahrungen, die man bei der Vergasung der Kranken gemacht hatte, spielten für den Holocaust eine große Rolle. In den Mordzentren der sogenannten Euthanasie waren die Abläufe des Tötens in einer Gaskammer bereits erprobt und angepasst worden. In den Vernichtungslagern musste man diese nun an andere Dimensionen und Gegebenheiten anpassen. So sah man beispielsweise von Kohlenmonoxid als tödliches Gas ab, da die benötigte Menge und die Länge der Transportwege in Kriegszeiten logistisch nicht zu bewältigen waren. Stattdessen setzten die Experten in den Lagern der «Aktion Reinhardt» auf Abgase stationärer großer Motoren.

Von erheblich größerer Bedeutung aber ist eine andere Verbindungslinie zwischen diesen beiden Verbrechenskomplexen, die sich erst bei genauerer Betrachtung zeigt: Mit dem Krankenmord hatte man einen Kreis von «Experten der Vernichtung» (Sara Berger) herangebildet, der mit der Einstellung des Tötungsprogramms im Sommer 1941 zudem ohne Aufgabe war. Diese rund 120 Männer waren maßgeblich dafür verantwortlich, den Betrieb der Vernichtungslager Belzec, Sobibor und Treblinka im Osten des besetzten Polen zu organisieren und den Mordbetrieb zu beaufsichtigen und zu koordinieren. Darunter waren Männer wie Christian Wirth oder Franz Stangl. Wirth war frühes Mitglied der NSDAP und im Polizeidienst. Beim Krankenmord war er Büroleiter und Inspekteur. Er war in den Vernichtungslagern gefürchtet, da er sehr energisch und zupackend agierte. Franz Stangl kam ebenfalls ursprünglich von der Polizei und war Aufsichtsbeamter in mehreren Mordanstalten, bevor er am Aufbau des Vernichtungslagers Sobibor mitwirkte und Kommandant von Treblinka wurde, wo er für die Ermordung von mehreren hunderttausend Menschen verantwortlich war. Wirth kam 1944 ums Leben, während Stangl nach dem Krieg die Flucht nach Südamerika gelang. Er wurde 1967 an die Bundesrepublik ausgeliefert und 1970 zu lebenslanger Haft verurteilt, starb aber bereits 1971 mit Anfang 60.

 
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