Religiosität und Geschlecht

Der Aspekt einer Verbindung bzw. Relevanz des Geschlechts und der Religiosität von Menschen, hier von Frauen, wird in den Einzelfallanalysen implizit und explizit sichtbar. Insofern möchte ich die Hypothese formulieren, dass Religiosität immer auch eine geschlechtsspezifische Dimension hat, die die eigene Religiosität beeinflusst. Ebenso beeinflusst die eigene Geschlechtsidentität die Religiosität eines Menschen, und zwar bezogen sowohl auf die individuelle als auch auf die gesellschaftliche Ebene und hier wiederum in einer wechselseitigen Bezogenheit. [1] Im Folgenden möchte ich die Aspekte herausarbeiten, die die Biographieträgerinnen in ihrer Stegreiferzählung zwischen Religiosität und Geschlecht in Verbindung bringen bzw. aufeinander beziehen.

Almut Zenk: Das Weibliche ist dem Persönlichen näher

Almut Zenk, geboren Ende der 1940er Jahre, hat als junge Frau die Entstehung der Frauenbewegung in Deutschland miterlebt und sich in diesem Prozess aktiv beteiligt. In ihrer Erzählung wird die Dualität männlich-weiblich in ihrem Denken und ihren Werten sichtbar. Sie formuliert als eine zentrale Ausrichtung ihres Lebens, die auch als biographisches Handlungsschema zu sehen ist:

„Also es war eigentlich immer die Suche nach äh, was kann Lösung bringen für die eh Fragen, die .. die ich bewegt habe zusammen mit anderen, wo ich sah, dass Leiden da war, dass Unterdrückung da war auf den unterschiedlichen Ebenen, sei es in der

3. Welt oder in Bulgarien oder ... in Deutschland selbst oder bei den Frauen“ (Almut Zenk, Z 146-150).

Sie erlebt Frauen aufgrund ihres Geschlechts als unterdrückt. In ihrer biographischen Erzählung flicht sie ein, dass sie als junge Frau zunächst glaubte, sie selbst habe damit nichts zu tun und habe jedoch anerkennen müssen, dass auch sie betroffen ist.

„Dann kam noch die Frauenbewegung dazu, .. nach ‚nem Weilchen, die ging da nicht so direkt aus der Studentenbewegung hervor ... und eh Frauenbewegung gibt dir halt dann auch noch einmal einen anderen Bereich, so die ... die Ungerechtigkeit oder Unterdrückung auch. Zuerst dachte ich immer, oh das betrifft mich gar nicht und dann merkte ich, doch, das betrifft mich doch, ja?“ (ebd., Z 128-133).

Sie reflektiert verschiedene Themen aus ihrer heutigen Sicht als Leiterin eines buddhistischen Meditationszentrums geschlechtsspezifisch, z.B. insgesamt die gesellschaftlichen Entwicklungsaufgaben von Männern und Frauen, Beziehungsgestaltung und Einsamkeit. Für sie ist diese Haltung wichtig, um den Menschen individuell etwas anbieten zu können, was ihnen in ihrer Entwicklung bzw. in ihrer buddhistischen Praxis hilft, und findet dazu die Kategorie des Geschlechts in der Differenzierung der Zweigeschlechtlichkeit hilfreich. Aus der Identifikation als Lehrende beschreibt Almut Zenk ebenfalls grundsätzlich geschlechtsspezifische Unterschiede der Lehrenden verschiedener buddhistischer Traditionen. Für sie selbst sei wichtig, dass die Lehrenden ihre persönliche Entwicklung in die Lehre einbringen. Dies erlebe sie in ihrer Tradition so und empfinde aufgrund dessen keine geschlechtsspezifischen Unterschiede. Es gebe andere Traditionen, die das Persönliche eher ausklammern. Diese Traditionen würden überwiegend Männer anziehen, während die Traditionen, die auch therapeutisch orientiert seien, eher Frauen anziehen. Damit beschreibt sie ein Denken in Zuschreibungen von männlich bedeutet eher sachlich und weiblich eher emotional. Die von ihr vertretene feministische Richtung bezeichnet Donate Pahnke als „gynozentrisch“ (vgl. Pahnke, 1992, S. 171). Hier gibt es keine klare Differenzierung und Reflexion von Sex und Gender und die Zuschreibungen von männlich und weiblich bleiben in den traditionellen Geschlechtsrollenzuschreibungen. Almut Zenk beschreibt des Weiteren ihre Motivation, sich der Frauenbewegung zuzuwenden als Suche nach Wegen aus dem Leid. Hier wird sie nur zum Teil fündig und dies scheint sie ihre Suche fortsetzen zu lassen und letztlich im Buddhismus eine Heimat finden zu lassen. Die Auseinandersetzung mit Geschlechterthemen beeinflusst zwar ihre Arbeit, weil sie durch ihr Engagement in der Frauenbewegung eine gewissen Bewusstheit entwickelt hat, doch es ist nicht wirklich eine zentrale Motivation für sie, die sie weiterhin antreibt. Für sie ist es offensichtlich nicht wichtig, ob sie eine spirituelle Lehrerin oder einen spirituellen Lehrer hat, und ohne die Nachfragen im Rahmen des Interviews reflektiert sie die buddhistische Phase nicht genderspezifisch, was erneut darauf hinweist, dass die Geschlechterfrage für sie in der aktuellen Lebensphase nicht wesentlich bedeutsam ist.

  • [1] An dieser Stelle möchte ich noch einmal auf die allgemeine Relevanz von Biographieforschung hinweisen: „Durch die Rekonstruktion von erzählten Lebensgeschichten, d.h. Biographien, kann die subjektive Aneignung und Konstruktion von Gesellschaft sowie die Konstitution von Subjektivität in ihrem Zusammenwirken untersucht werden (vgl. Dausien 1994, S. 152). In Biographien lassen sich damit Prozesse rekonstruieren, in denen Subjekte sich die soziale Wirklichkeit aneignen, verhandeln oder transformieren. Somit können Biographien auch als Entwicklungsund Sozialisationsgeschichten gelesen werden, was in der gegenwärtigen Sozialisationsforschung oft nicht wirklich wahrgenommen worden ist“ (Ruokonen-Engler, 2006, S. 203).
 
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