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Zusammenfassung

Das Unterrichtsqualitätsmerkmal Kognitive Aktivierung beschreibt die Anregung der Lernenden „zum vertieften Nachdenken und zu einer elaborierten Auseinandersetzung mit dem Unterrichtsgegenstand“ (Lipowsky, 2009, S. 93) und sollte fachspezifisch konkretisiert werden. Allerdings existieren nur weniger größer angelegte beobachtungsbasierte Studien zum Leseunterricht im Anfangsunterricht der Grundschule sowie systematisch angelegte, fachdidaktisch orientierte Studien zur Unterrichtsqualität im Deutschunterricht (Bremerich-Vos, 2002). Das übergeordnete Ziel der Arbeit besteht daher darin, kognitive Aktivierung als Merkmal domänenspezifischer Unterrichtsqualität für den Anfangsunterricht im Lesen zu konzeptualisieren, für die videobasierte Erfassung zu operationalisieren und somit den Leseunterricht beschreibbar zu machen. Dazu wurde zunächst ein theoretisches Modell der Merkmale und Rahmenbedingungen kognitiv aktivierender Leseübungen entwickelt. Dieses umfasst als Rahmenbedingungen zur Ermöglichung eines hohen Ausmaßes an aktiver Lernzeit eine effektive Klassenführung, eine entspannte Lernatmosphäre sowie die Differenzierung des Unterrichts. Als Merkmale kognitiver Aktivierung im engeren Sinn werden die Phasen der Aufgabenstellung, der bearbeitung und der -reflexion untersucht. Es wird davon ausgegangen, dass während der Aufgabenbearbeitung die Fragen der Lehrperson, ihre Anregungen zum Einsatz von Lesestrategien, die individuelle Lernunterstützung der Schülerinnen und Schüler sowie das Feedback relevant für die kognitive Aktivierung sind. Im Rahmen dreier Teilstudien werden folgende übergeordnete Fragestellungen beantwortet: (1) Wie lässt sich das Unterrichtsqualitätsmerkmal „kognitive Aktivierung“ für Leseübungen im Anfangsunterricht der Grundschule auf Basis des Modells operationalisieren, sodass sowohl eine präzise Beschreibung der Leseübungen als auch Rückschlüsse auf die Unterrichtsqualität ermöglicht werden? Lässt sich der videografierte Unterricht mit den entwickelten Kategoriensystemen objektiv und reliabel erfassen? (2) Wie sind die einzelnen Merkmale kognitiv aktivierender Leseübungen in der Gesamtstichprobe ausgeprägt? Wie werden die videografierten Leseübungen im ersten Schuljahr gestaltet? (3) Wie hängen die Merkmale kognitiv aktivierenden Unterrichts zusammen?

Die Datengrundlage bildet die Videostudie im Fach Deutsch aus dem PERLE-Projekt (Persönlichkeitsund Lernentwicklung von Grundschulkindern). Um vergleichbare Bedingungen zu gewährleisten, bekamen die Lehrpersonen Vorgaben zur Gestaltung einer etwa 90-minütigen Deutschstunde. Eine Aufgabe bestand dabei in der Durchführung einer Leseübung. Zur Bestimmung kognitiv aktivierender Elemente des Leseunterrichts wurden niedrig inferente Kategoriensowie hoch inferente Ratingsysteme entwickelt. Nach mehrfachen Überprüfungen der Übereinstimmungen wurden die 48 videografierten Übungen von trainierten Beobachterinnen analysiert.

Die Ergebnisse der ersten Studie zeigen, dass die objektive und reliable Erfassung der einzelnen Aspekte kognitiver Aktivierung sowie deren Rahmenbedingungen gut gelungen ist. Die deskriptiven Auswertungen in Studie 2 ergeben, dass den meisten Lehrpersonen die Umsetzung lernförderlicher Rahmenbedingungen gut gelingt: Sowohl die effektive Klassenführung als auch die entspannte Lernatmosphäre werden positiv beurteilt. Zudem kommen viele Differenzierungsmaßnahmen vor, deren Qualität allerdings nur mittelmäßig beurteilt wird. Die Merkmale kognitiver Aktivierung im engeren Sinn sind geringer ausgeprägt als die Rahmenbedingungen. So dominieren in den videografierten Unterrichtsstunden eher einfache Aufgabenstellungen und Fragen, es werden größtenteils basale Lesestrategien lediglich indirekt angeregt. Die Lernenden werden zwar umfassend unterstützt, die Hilfestellungen sind dabei aber oft eher direktiv. Des Weiteren geben die Lehrpersonen sehr häufig Feedback, allerdings dominieren auch hier einfache Rückmeldungen. Ein besonders geringer Stellenwert kommt Reflexionsphasen im Unterricht zu. In der dritten Studie können die Items eines hoch inferenten Ratingsystems zu fünf übergeordneten Komponenten der Unterrichtsqualität zusammengefasst werden, die wiederum sowohl Aspekte kognitiver Aktivierung im engeren Sinn als auch Rahmenbedingungen kognitiv aktivierenden Unterrichts erfassen. Diese werden mit niedrig inferent erfassten Daten zur Sichtstruktur des Unterrichts sowie zur Unterrichtsgestaltung in Beziehung gesetzt, was zur inhaltlichen Validierung der gefundenen Faktorenstruktur beiträgt.

 
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