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2. Grundlagen des Unterrichtens und der Unterrichtsforschung

„To better understand, and ultimately improve, students' learning, one must examine what happens in

the classroom“

(Hiebert et al., 2003, S. 2)

In diesem Kapitel wird zunächst die Grundvorstellung von Unterricht als Angebot an die Schülerinnen und Schüler, das von diesen unterschiedlich genutzt werden kann, dargestellt (2.1). Anschließend wird die Konzeptualisierung von Unterrichtsqualität thematisiert (2.2), um das methodische Vorgehen der Arbeit hier einordnen zu können. Abschnitt 2.3 beschäftigt sich mit Merkmalen guten Unterrichts, wobei hier sowohl auf die Ableitung von Merkmalen guten Unterrichts aus Modellen des Lernens eingegangen wird als auch auf Merkmalssammlungen aus der Didaktik und der empirischen Unterrichtsforschung. Anschließend wird die Bedeutsamkeit des Fachbezugs bei der Unterrichtsforschung diskutiert (2.4), bevor aus den dargestellten theoretischen Grundlagen ein Fazit für die eigene empirische Studie abgeleitet wird (2.5).

2.1. Unterricht als Zusammenspiel von Angebot und Nutzung

In Abgrenzung zu früheren Verständnissen von Unterricht, in deren Rahmen eine direkte Beeinflussung der Schülerleistungen durch einzelne Unterrichtsmerkmale (Prozess-Produkt-Paradigma) oder durch Charakteristika der Lehrperson (Persönlichkeitsparadigma) angenommen wurde (zsf. Bromme & Haag, 2008; Brophy, 2009; Einsiedler, 2000; Gruehn, 2000; Niegemann, 2010), wird Unterricht in der aktuellen Sichtweise als Angebot aufgefasst, welches seinerseits durch bestimmte Rahmenbedingungen beeinflusst wird. Dieses Angebot wird von den Lernenden unterschiedlich genutzt, was wiederum in Abhängigkeit von deren Merkmalen, Dispositionen und Hintergrundvariablen steht (z. B. Pauli & Reusser, 2006; Waldis, Gautschi, Hodel & Reusser, 2006). Damit wird die Bedeutsamkeit von Lernaktivitäten der Schülerinnen und Schüler und Mediationsprozessen, „die zwischen dem Unterrichtsangebot und dem Lernerfolg vermitteln“ (Helmke, A., Helmke T. & Schrader, 2007, S. 529), betont. Der Lehr-Lernprozess wird also aus einer konstruktivistischen Perspektive betrachtet (Helmke, 2009). Dadurch bietet das Angebots-Nutzungs-Modell einen Ordnungsrahmen für die wechselseitige Verknüpfung verschiedener Variablenblöcke, um die Wirksamkeit von Unterricht zu erklären (Helmke et al., 2007a). Nach Fend (1981, 2008) sowie nachfolgend vor allem durch Helmke und Weinert (z. B. 1997a; vgl. auch Helmke, 2009 sowie Helmke et al., 2007b) wird Unterricht also als Gelegenheitsstruktur verstanden: „Lehrerhandeln ‚verursacht' daher nicht Schülerlernen, sondern erschafft eine Lernumgebung als Raum von Gelegenheiten, die von den Beteiligten gemeinsam geformt und im Sinne eines Angebots je individuell genutzt werden“ (Klieme, 2006, S. 765). Diese Auffassung von Unterricht und dessen Wirkungen wird auch als erweitertes ProzessMediations-Produkt-Modell bezeichnet: „In diesem Sinn wird Bildungsqualität letztlich im Unterricht von der Lehrperson und den Lernenden gemeinsam ko-konstruiert und ko-produziert“ (Pauli & Reusser, 2006, S. 789).

 
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