Gewinnen die Frauen auch in der Welt der Mafia immer mehr Macht?

Auch innerhalb der Mafia wandelt sich das Verhältnis zwischen Mann und Frau, wenn auch langsamer - im Guten wie im Schlechten. Beim Maxi-Prozess Mitte der achtziger Jahre (vgl. Kap. 78) waren von den 460 Angeklagten nur vier Frauen. Eine wurde wegen falscher Zeugenaussage vor Gericht gestellt, eine andere wegen Strafvereitelung, zwei wegen Drogenhandels. Heute beteiligen sich die Frauen immer stärker an den Aktivitäten der Mafiafamilie. Andere, vor allem junge und ganz junge Frauen, gleichfalls im mafiosen Milieu groß geworden, sind jedoch empfänglich für die Einflüsse der Außenwelt. Sie kleiden sich wie andere Mädchen, hören dieselbe Musik und lesen dieselben Bücher wie sie. Sie verbringen ihre Ferien an denselben Orten wie ihre Altersgenossinnen, essen in denselben Pizzerien und haben denselben Geschmack. Die Welt verändert sich und zwingt auch die Mitglieder der Mafiaclans, sich zu verändern.

Vor zehn Jahren war ich im palermitanischen Stadtteil Arenella auf Wohnungssuche. Man stellte mir einen gewissen Signor Piero vor, der mir, wie es hieß, eine Wohnung vermitteln könne, die meinen Wünschen entspreche. Ich erkannte ihn auf Anhieb wieder: Er war ein Mafioso, Bruder eines Mafioso, dem ich häufig im Gericht begegnete. Wir taten so, als würden wir einander nicht kennen. Während wir so redeten, fiel mir auf, dass er wahnsinnig viele Haarschuppen hatte. Das merkte er, und er unterbrach sich und sagte: »Denken Sie nur nicht, dass ich diese Schuppen wegen der Bullen bekommen hätte. Meine Tochter hat mich nervös gemacht, daher kommen diese ganzen Schuppen.« Ich ließ mir weiterhin nichts anmerken. Er aber fuhr fort: »Meine Tochter ist sechzehn, sie läuft in einem Minirock aus schwarzem Leder rum und hat es sich in den Kopf gesetzt, am Konservatorium Musik zu studieren!« Sein Tonfall und sein Blick verrieten mir, was sein Problem war: Er konnte zu Hause nicht mehr bestimmen. Und wenn er zu Hause nicht mehr das Sagen hatte, wie konnte er dann in seinem Viertel den Ton angeben?

In »Signor Pieros« Blick entdeckte ich fast so etwas wie Resignation - es war der Anfang vom Ende seiner Welt. Manche Begegnung, manches

Gespräch mit diesen Leuten öffnet einem die Augen - mehr, als es ein Gerichtsprozess oder ein Buch über die Geschichte der Cosa Nostra je könnte.

Nichts stört mich mehr, als für einen Mafiaexperten oder, wie man heute sagt, einen »Mafiologen« gehalten zu werden. Ich bin nur jemand, der an einem Ort im westlichen Sizilien geboren wurde und bis heute dort lebt und der immer versucht hat, die Wirklichkeit um sich herum, die Geschehnisse und die Menschen zu verstehen.

Leonardo Sciascia, Corriere della Sera, 19. September 1982

 
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