Ist die Mafia auch die Hüterin der Sexualmoral ihrer Mitglieder und von deren Familienangehörigen?

Eine Regel der Mafia besagt, Ehrenmänner dürften keine Geliebte haben. In den siebziger Jahren wurde die mafiose Familie von Porta Nuova abfällig »die Familie der Straßenkehrer« genannt, weil zwei ihrer Bosse eine Geliebte hatten. Das galt als unschicklich. Die Form zu wahren blieb für die Cosa Nostra stets das Allerwichtigste. Doch häufig verbirgt die Form das Wesentliche. Vordergründig war es moralisch unschicklich, eine Geliebte zu haben, weil die Familie intakt bleiben und man Kindern und Verwandten ein gutes Beispiel geben sollte. In Wahrheit waren Liebschaften nur aus praktischen Gründen nicht gern gesehen. Die Ehrenmänner befürchteten, dass die Ehefrau oder die Geliebte eines Mafioso früher oder später durchdrehen, eine Eifersuchtsszene machen und den Mann, den sie liebte, womöglich verraten könnte - und damit nicht nur ihn, sondern die ganze Organisation in Gefahr bringen würde.

Tatsächlich sind viele Ehrenmänner nicht monogam, aber sie stellen ihre »Eroberungen« nie zur Schau. Wenn sie eine Geliebte haben, versuchen sie, die Beziehung geheim zu halten, ohne es also herumzuerzählen und ohne es den anderen Ehrenmännern »offiziell« mitzuteilen.

Corleone, Mitte der neunziger Jahre. Der Mittelschullehrer und Ehrenmann Leoluca Di Miceli hatte eine große Zukunft in der Cosa Nostra vor sich. Im Ort hieß es, er werde es noch zum Boss bringen. Doch dann wurden plötzlich Gerüchte über ihn in Umlauf gebracht. Nicht gerade schmeichelhafte Gerüchte, insbesondere in Mafiakreisen. Man munkelte von einer übermäßigen Schwäche Leolucas für die Frauen. Er war zu sehr mit ihnen beschäftigt. Er verlor zu viel Zeit mit ihnen. Sein Aufstieg in der Cosa Nostra endete abrupt. Und in Corleone kursierte ein weiteres Gerücht über ihn: »Lehrer Di Miceli denkt mehr mit dem Köpfchen unten als mit dem Köpfchen oben.«

La Repubblica, 8. November 2007

Die Gegenüberstellung von Totö Riina und Tommaso Buscetta im Hochsicherheitsgerichtssaal von Palermo im Frühjahr 1993 verdeutlicht, wie die Mafia über Sexualmoral und Familie denkt.

Es war der Prozess wegen der sogenannten delitti trasversali, der Ermordung von Angehörigen reuiger Mafiosi. Riina und Buscetta hätten über Morde, Vergeltung und Rache reden sollen, doch Totö Riina bat den Präsidenten des Schwurgerichts um das Wort und sagte: »Ich spreche nicht mit Leuten von niedriger Moral. Mein Großvater wurde mit vierzig Jahren Witwer, allein mit fünf Kindern, aber er suchte sich keine andere Frau. Meine Mutter wurde mit sechsunddreißig Jahren Witwe. Wir in Corleone leben alle moralisch anständig.« Das war eine Anspielung auf das turbulente Liebesleben Buscettas. Der Mafiaaussteiger gab eiskalt zurück: »Totö Riina wirft mir Frauengeschichten vor - dass ich mehrere Frauen gehabt habe. Dabei ist er für den Tod meiner Kinder und meiner Angehörigen verantwortlich, er hat viele Unschuldige niedermetzeln lassen. Es stimmt, ich habe an die Frauen gedacht, während du allein mit deiner Frau ins Bett gegangen bist, weil du bloß für die Cosa Nostra Zeit hattest.« Das war die vielleicht schlimmste Kränkung, die Totö Riina je in seinem Leben zu ertragen hatte: dass jemand so über seine Frau sprach und in sein Privatleben und seine Intimität eindrang.

Ehebruch gefällt der Cosa Nostra natürlich noch weniger, wenn es die Frau ist, die den Verrat begeht und die Ehre der Familie »besudelt«. In diesem Fall wird ein Exempel statuiert.

Einigen Kronzeugen zufolge ordnete Antonio Pipitone, der Boss des Viertels Acquasanta in Palermo, 1983 die Ermordung seiner Tochter Rosalia an. Sie war verheiratet, hatte aber ein Verhältnis mit einem Cousin zweiten Grades. Der Mord geschah in einer Drogerie mitten in Acquasanta. Zwei Auftragskiller täuschten einen Raubüberfall vor und brachten die Frau um, die sich in dem Laden aufhielt. Am Tag nach dem Mord beging der Geliebte und Cousin, Simone Di Trapani, Selbstmord. Die Ehre war gerettet.

Ein paar Jahre zuvor hatte ein anderer Boss der Cosa Nostra, Giuseppe Lucchese, seine Schwester Giuseppina und seine Schwägerin Luisa Gritti eigenhändig umgebracht. Auch sie hatten außereheliche Beziehungen. In einer Mafiafamilie darf es keine »Gehörnten« geben.

Wenn einer, der alle Voraussetzungen aufweist, um ein Ehrenmann zu werden, eine übel beleumundete Schwester hat - »Missratene« nennt man sie in diesem Milieu -, wird er schwerlich zur Cosa Nostra zugelassen. Ehebruch wird bei den Ehrenmännern toleriert, bei den Frauen nie. Im Gespräch über die Beziehungen zwischen Männern und Frauen meinte der Mafioso Gaspare Mutolo: »Unsereins hat immer darauf geachtet, welches Bild er abgibt.«

 
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