Wie hoch ist das Schutzgeld für einen Ladenbesitzer?

Das hängt davon ab, wie groß das Geschäft ist und ob das Opfer »freundschaftliche« Beziehungen zu den Erpressern unterhält. Das Monatsgeld (mesatd) für einen Laden mittlerer Größe beläuft sich auf etwa siebenhundert Euro, und es wird - trotz der Bezeichnung - häufig nur alle neunzig Tage kassiert. Es ist wie eine Steuer, die man allerdings nicht hinterziehen kann. Die Eintreiber sind gnadenlos: Wer nicht zahlt, geht ein großes Risiko ein, wer zahlt, schließt eine Art Lebensversicherung ab.

Die Tarife sind von Zone zu Zone, von Bezirk zu Bezirk unterschiedlich. Der Besitzer eines Juwelierladens oder eines eleganten Geschäfts kann zwei-oder auch dreitausend Euro im Monat zahlen. Bei Kaufhäusern können es bis zu zehntausend Euro sein.

Auch Ratenzahlung ist möglich. Die Bosse haben Verständnis: Sie gewähren Aufschub, stimmen Tilgungsplänen zu und räumen manchmal sogar einen kleinen Rabatt ein. Zu Weihnachten und zu Ostern muss aber alles beglichen sein. Von der Schutzgeldzahlung sind nur Geschäftsleute ausgenommen, die einen Trauerfall in der Familie haben.

Wenn der Ladenbesitzer sich nicht selbst darum bemüht, herauszufinden, wem er das Schutzgeld übergeben soll, bekommt er einen Anruf: »Du musst dir jemanden suchen.« Ein paar Tage lang passiert nichts. Alles ist ruhig. Dann, eines Morgens, will er seinen Laden aufsperren, und das Schlüsselloch ist mit Schnellkleber versiegelt: ein Signal, dass jemand kommen wird, um das Schutzgeld einzufordern. Die geräuschloseste Waffe der Schutzgeldmafia in den letzten Jahren war der Kleber. Nach den blutigen Attentaten mit zahlreichen Toten hat die Cosa Nostra auch bei der Schutzgelderpressung ihre Strategie geändert. Sie möchte kein Aufsehen mehr erregen. Es reicht ein Kleber.

Dem Ladenbesitzer bricht der kalte Schweiß aus. Endlich geben sie sich zu erkennen. In der Regel wird ein gut gekleideter junger Mann mit höflichen Manieren vorstellig. Er redet fast nie von Geld, von Schutzgeld. Er verlangt lediglich eine Spende: für die Gefängnisinsassen, für Anwaltshonorare, für das

Stadtteilfest. Manche der Betroffenen zahlen den gesamten Betrag, und zwar sofort, andere machen sich auf die Suche nach einem Freund oder Bekannten, um einen Rabatt auf den pizzo zu erhalten.

Das Schutzgeld ist nicht nur eine reichlich sprudelnde Einnahmequelle. Es ist vor allem eine Machtdemonstration. Alle müssen zahlen: auch die Mafiosi. Das mag paradox erscheinen, ist aber die Regel. Die Macht der Cosa Nostra gründet sich auf Regeln. Und die Regel besagt, wenn ein Mafioso ein Geschäft eröffnen möchte oder eine Baustelle in einer Gegend plant, in der eine andere Familie das Sagen hat, muss auch er zahlen. Sogar Giovanni Brusca, der Attentäter von Capaci, zahlte Schutzgeld für einen Bauauftrag in einem Territorium, das nicht das seine war. Das ist die vollendete Form des mafiosen Pragmatismus.

 
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