Hat auch der Polizeiapparat die Mafia geschützt?

Die älteren Reporter, mit denen ich zu Beginn meiner journalistischen Laufbahn in der palermitanischen Zeitung L’Ora zusammenarbeitete, erzählten mir, Luciano Liggio, der Boss von Corleone, habe nur deshalb untergetaucht bleiben können, weil er vom Polizeichef gedeckt worden sei. Damals erschien mir das eine lokale Legende, ein Gerücht, um sich die lange Unauffindbarkeit des Bosses zu erklären. Ich habe nie herausgefunden, ob Liggio tatsächlich von einem Polizeichef beschützt wurde, aber je mehr ich mich mit den Geheimnissen der Cosa Nostra beschäftigte, desto mehr wuchs meine Gewissheit, dass man vielen anderen Bossen gefällig gewesen war, so dass sie unbehelligt im Untergrund leben konnten. In ihrem eigenen Haus. Die Wahrheit ist, dass niemand sie gesucht hat. Sie konnten sich frei und ungehindert in Palermo bewegen. Einige steckbrieflich Gesuchte wie Saro Riccobono oder Gaetano Badalamenti besuchten sogar ihre Freunde im Ucciardone-Gefängnis der Stadt, die in dem berüchtigten Trakt der Bosse untergebracht waren. Sie konnten machen, was sie wollten.

In den sechziger und siebziger Jahren waren die Mafiosi die unumschränkten Herren von Palermo. Anders lässt es sich nicht erklären, warum so viele von ihnen so lange untergetaucht bleiben konnten. Totö Riina war fünfundzwanzig, Bernardo Provenzano dreiundvierzig Jahre lang unauffindbar. Das war nur möglich, weil er geschützt wurde. Weil irgendjemand dafür sorgte, dass er in Freiheit blieb.

Wir Untergetauchten sind es gewohnt, mit Frau und Kindern zu leben, denn man lässt uns einigermaßen in Ruhe. Ich war viele Jahre untergetaucht und hatte immer meine Frau und meine vier Kinder an meiner Seite. [...] Auch wenn Polizisten auf Streife waren und ein Auto mit drei Insassen an Bord entdeckten, hielten sie nicht an. Das habe ich selber erlebt, als ich in einer Parallelstraße zum Viale della Regione Siciliana unterwegs war, um jemanden umzubringen [...].

Wir haben den Mord dann ausgeführt. [...] Wir haben sie von weitem gesehen und sie uns sicher auch. Sie waren in einem hellgelben 128er Fiat unterwegs, welche vom Greifkommando; ein sehr gefährliches Auto: Sie sind auf eine Erdaufschüttung raufgefahren und hätten sich fast überschlagen, um uns vorbeizulassen. Das war leider damals die Realität.

Gaspare Mutolo, Anhörung vor dem parlamentarischen

Antimafia-Ausschuss, 9. Februar 1993

 
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