Wie wurde die Mafia in der Presse dargestellt?

Auch in der Zeitungsberichterstattung herrschte lange ein tiefes Schweigen: Über die Mafia wurde weder gesprochen noch geschrieben. Erst ab Mitte der fünfziger Jahre erhoben sich Stimmen gegen die Mafia. Die maßgeblichste und mutigste war die der Zeitung L’Ora aus Palermo. Sie wurde schon am Nachmittag gedruckt und war am frühen Abend an allen Kiosken im westlichen Sizilien erhältlich. Mit ihrer investigativen, kämpferischen Berichterstattung gelang es dieser kleinen Zeitung, sich in ganz Italien Gehör zu verschaffen und sich den Ruf als eine bedeutende Stimme des italienischen Journalismus zu erobern. Vittorio Nisticö war ein herausragender Chefredakteur, herausragend waren auch seine Mitarbeiter, die Journalisten Marcello Cimino, Giuliana Saladino, Mario Farinella, Felice Chilanti, Aldo Costa und Mauro De Mauro. Von ihnen stammen die ersten großen Untersuchungen zur Mafia von Corleone, zu Vito Ciancimino und Salvo Lima, zur Schutzgelderpressung auf den Schiffswerften und dem Obst- und Gemüsemarkt, zur Plünderung Palermos durch eine beispiellose Bauspekulation und zum Klientelsystem in der Region. Die Journalisten von L’Ora wurden bedroht und isoliert, das Redaktionsgebäude und die Druckerei mehrmals durch Bombenanschläge zerstört.

Zum zweiten Mal innerhalb von zehn Jahren war die Redaktion von L’Ora Ziel eines Bombenanschlags der Mafia. Den ersten führte die Bande Giuliano im Jahr 1947 aus.

Der Terroranschlag heute Morgen, der sehr viel verheerender war als der damalige, hatte vor allem ein Ziel: uns einzuschüchtern. Wir haben keinen Zweifel, dass er von Personen oder Gruppen geplant und durchgeführt wurde, die sich vor den Folgen unserer Pressekampagne fürchten.

L'Ora, 20. Oktober 1958

In L’Ora schrieben zahlreiche bedeutende Sizilianer: Leonardo Sciascia, Renato Guttuso, Michele Perriera, Lillo Roxas, Vincenzo Consolo und Michele Pantaleone, Enzo Sellerio, Bruno Caruso - und Danilo Dolci. Die Geschichte dieser Zeitung, die ihr Chefredakteur ein »Geschöpf aus Papier« nannte, ist die Geschichte von Männern und Frauen, von starken Leidenschaften, Tragödien und Hoffnungen.

Der aus Triest stammende Danilo Dolci kam in den fünfziger Jahren nach Sizilien, um denen, die noch nie eine Stimme gehabt hatten, Gehör zu verschaffen. Der Soziologe, Anthropologe, Philosoph, Musiker, Schriftsteller und Dichter war ein Grenzgänger. 1965 trug er fünfzig Zeugenaussagen über die mutmaßlichen Beziehungen des Ministers Bernardo Mattarella und des Staatssekretärs im Gesundheitsministerium Calogero Volpe zu Mafiakreisen zusammen. Die Dokumente übergab er dem parlamentarischen Antimafia-Ausschuss. Er wurde von den beiden Politikern verklagt, verlor den Prozess und wurde zu zwei Jahren Haft wegen Verleumdung verurteilt.

Die Mafia mag es vor zwanzig Jahren gegeben haben, heute ist sie am Ende. Aber ihr Journalisten beharrt immer noch darauf ... Narren seid ihr, Narren!

Calogero Volpe, Vorsitzender der Democrazia Cristiana von Caltanissetta, Parlamentsabgeordneter, zwischen 1960 und 1970 Staatssekretär, zunächst für Gesundheit, später für Post und Telekommunikation

Die Zeitung L’Ora - wie Paese Sera in Rom aus dem Umfeld der Kommunistischen Partei - wandelte sich Ende der siebziger Jahre zu einer journalistischen Kooperative und stellte nach schweren finanziellen Nöten im Mai 1992 ihr Erscheinen ganz ein. Aber da war sie schon seit einiger Zeit nicht mehr Nisticös »Geschöpf aus Papier«. Sie hatte dem italienischen Journalismus ihren Stempel aufgedrückt und viele unbeugsame Journalisten hervorgebracht, die heute in den Redaktionen ganz Italiens arbeiten.

Einen ganz anderen Journalismus vertritt II Giornale di Sicilia, ein regierungsamtliches Blatt, das seit jeher dem politischen Establishment nahestand und stets bestrebt war, die jeweiligen Machthaber zu schonen und die blutigen Ereignisse, die damals die Insel erschütterten, in einem milden Licht erscheinen zu lassen.

An den heftigen Polemiken Anfang der achtziger Jahre war II Giornale di Sicilia als Zeuge der Geschehnisse an vorderster Front beteiligt. Die Zeitung führte einen vehementen Angriff gegen Nando Dalia Chiesa, den Sohn des 1982 ermordeten Carabinieri-Generals, und beschrieb ihn als Schwärmer und ewig Gestrigen. Seine Schuld bestand darin, dass er den Sumpf, die

Komplizenschaften und die Schrecknisse von Palermo anprangerte.

Ein Interview vom April 1984 gibt eine Vorstellung davon, wie der Chefredakteur und Herausgeber des Giornale di Sicilia, Antonio Ardizzone, die Situation in Sizilien beurteilte: »Die Mafia steht heute der politischen Macht weitgehend fern [...]. Ich glaube nicht, dass man heute noch von organischen Verbindungen zwischen der Staatsmacht und der Mafia sprechen kann [...]. Wir maßen uns nicht an, an die Stelle der Ermittler zu treten. Aber wir sprechen die Wahrheit aus, die ans Licht kommt, die volle Wahrheit.« Auf der Titelseite des Giornale di Sicilia standen in jenen Jahren Leitartikel mit der »Wahrheit« über Falcone und seinen Antimafia-Pool.

[...] Ein seltsames Bild geben diese Richter und Staatsanwälte ab, die heutzutage die Bühne der Justiz bevölkern: Ermittlungsrichter in kugelsicheren Westen, in der Hand eine Pistole, die in ihrem Helikopter herunterschweben und Tausende Dokumente beschlagnahmen, um anschließend wie Ritter ohne Furcht und Tadel wieder am Horizont zu entschwinden. Dies ist das Modell, das uns einige italienische Staatsanwälte in den letzten Jahren vorgeführt haben. Aber sind das wirklich Staatsanwälte? Sogar die Einsatzkräfte der Polizei bezweifeln es, wie jeder weiß, der einmal die Gelegenheit hatte, mit ihnen über dieses Thema zu sprechen, denn sie fühlen sich ihrer ureigenen Aufgabe enthoben. Und auch Carnevale scheint daran zu zweifeln, wenn er und seine Kollegen Haftbefehle und Gerichtsurteile kassieren, deren Beweisführung auf die eine oder andere Art schludrig und oberflächlich ist [...]. Wenn dagegen ein Staatsanwalt nicht mit quietschenden Reifen in einer gepanzerten Alfetta losbraust, angestrahlt vom Scheinwerferlicht der Fernsehkameras, sondern sich einsam über seine Gesetzestexte beugt, um Verfahrensregeln einzuhalten und jede Seite zu ihrem Recht kommen zu lassen, dann genießt er keine öffentliche Aufmerksamkeit und findet leider auch nicht die gebührende Anerkennung und Förderung.

Giornale di Sicilia, 30. Juni 1986

In den großen Prozessen gegen die Mafia erlebte man nicht die Brillanz zielgerichteter Ermittlungsverfahren mit erdrückenden Beweismitteln, sondern den Schwulst demonstrativer Inszenierungen, die unter den Hieben dessen, was noch vom Rechtsstaat übrig ist, zerbröselten.

Giornale di Sicilia, 16. November 1986

Aber nicht nur II Giornale di Sicilia führte einen flammenden Feldzug gegen Giovanni Falcone und die anderen Ermittler von Palermo. Auch einige

Korrespondenten und Leitartikler der Zeitung II Giornale aus Mailand beteiligten sich an dieser Kampagne. Und am 29. Oktober 1991 schrieb Lino Jannuzzi im Giornale di Napoli: »Die Strategie dieses Duos ist nach anfänglich berauschenden Momenten angesichts all der reuigen und aussagewilligen Mafiosi und der Maxi-Prozesse an einem Punkt des völligen Scheiterns angekommen. Falcone und De Gennaro sind die Hauptverantwortlichen für das Debakel des Staates gegenüber der Mafia.«

In Catania büßte unterdessen Pippo Fava sein Leben ein. Er wurde Anfang 1984 von der Mafia ermordet, ein Mensch mit Zivilcourage, der vollständig isoliert worden war. Zwei Jahre zuvor hatte er die Monatszeitschrift I siciliani gegründet, die von all dem berichtete, was in Catania unter den Teppich gekehrt wurde. In der Redaktion saßen junge, engagierte Journalisten, unter ihnen Favas Sohn Claudio. Die Zeitschrift verkaufte sich gut, verfügte aber kaum über Werbeeinnahmen. Ihre Titelseiten füllten Berichte über Graci, Rendo, Costanzo und Finocchiaro, die mächtigen Unternehmer Catanias. Pippo Fava nannte sie die vier Apokalyptischen Reiter. Er berichtete auch über Benedetto Santapaola und seine Helfershelfer -Mafiosi, die in den Schaltzentralen Catanias höchsten Respekt genossen. Pippo Fava war ein einsamer Rufer in der Wüste. Und er starb allein. In Catanias Tageszeitung La Sicilia konnten »wir nicht einmal einen Nachruf auf ihn veröffentlichen, weil das Wort Mafia darin nicht vorkommen durfte«, erinnert sich Claudio Fava.

 
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