Mafien

Wie entstand die amerikanische Cosa Nostra?

Zunächst war sie nur ein Ableger der sizilianischen Cosa Nostra, der dann aber selbständig wurde und sich schließlich zu einer unabhängigen kriminellen Organisation entwickelte.

Die Anfänge der Mafia in den Vereinigten Staaten reichen in die siebziger Jahre des 19. Jahrhunderts zurück, als die ersten uomini di rispetto (»Respektspersonen«) dort ankamen: die Palermitaner Vito Cascio Ferro und Ignazio Lupo; Giuseppe Morello aus Corleone; Giuseppe Fontana aus Villabate, einer der beiden Mörder Emanuele Notarbartolos. Sie alle stammten aus der Provinz Palermo, und sie alle handelten - offiziell - mit Zitrusfrüchten.

Um 1920 schwappte die zweite mafiose Einwanderungswelle nach Amerika. Mir ihr kamen Giuseppe Bonventre, Giuseppe Bonanno, Stefano und Antonio Magaddino, Joe Profaci und Carlo Gambino, der wenige Jahre später zum Boss der Bosse (capo dei capi) der fünf »großen Familien« New Yorks wurde. Sie alle stammten aus dem Küstenstreifen zwischen Palermo und Trapani, die meisten aus Castellammare del Golfo.

Die Mafiosi aus Castellammare waren die eigentliche Keimzelle der amerikanischen Cosa Nostra. Jenseits des Atlantiks begegneten sie anderen Sizilianern, die wie Vito Genovese und Lucky Luciano in den Vereinigten Staaten geboren waren oder seit ihrer frühen Kindheit dort lebten.

Sie alle ließen sich in Little Italy nieder, wo sie mehr als dreißig Jahre lang als Mafiosi unbehelligt lebten. Erst spät erkannten die amerikanische Antidrogenbehörde und das FBI, wie gefährlich sie tatsächlich waren. Bis 1957 blieben sie unsichtbar und konnten ungestört mit Drogen handeln. Am 11. November erstürmte das FBI ein Haus in Appalachin im Bundesstaat New York, wo sich die Bosse zu einem Gipfeltreffen versammelt hatten. Einen Monat zuvor hatten sich die amerikanischen und sizilianischen Bosse im Hotel delle Palme in Palermo getroffen. Sie suchten nach einer Übereinkunft zur »Regulierung« des internationalen Drogenhandels. Bei der Razzia des FBI in Appalachin wurden vierundsechzig Mafiabosse verhaftet. In der amerikanischen Cosa Nostra rückte jetzt Carmine Galante an die Spitze, wegen seiner Vorliebe für dicke Havanna-Zigarren »Lillo the cigar« genannt. Auch er stammte aus Castellammare del Golfo.

Mit der dritten Einwanderungswelle von Mafiosi aus Sizilien 1964 strömten vor allem Leute aus den westlichen Vorstädten von Palermo in die Vereinigten Staaten: aus Passo di Rigano, aus dem Viertel Uditore, aus Cruillas und Bellolampo, aus den Ortschaften Torretta und Carini. Ganze Clans wanderten aus: die Familien Gambino, Inzerillo und Mannino, Castellano, Di Maggio und Di Maio. Sie schlossen sich ihren »Vettern« an, die bereits im New Yorker Stadtteil Cherry Hill eine neue Heimat gefunden hatten.

Diese Verbindung zwischen den palermitanischen Vorstädten und Cherry Hill trug fünfzehn Jahre später reiche Früchte. Die Mafiosi Palermos importierten tonnenweise Basismorphin aus Südostasien, das in Sizilien zu Heroin weiterverarbeitet und anschließend in New York verkauft wurde. Es war die finanziell erfolgreichste Zeit der sizilianischen und amerikanischen Cosa Nostra.

In den siebziger Jahren heuerten die palermitanischen Bosse Chemiker aus Marseille und Korsika zum »Kneten des Teigs« an. Später übernahmen dies die Ehrenmänner selbst. Einer von ihnen, Francesco Marino Mannoia, verarbeitete innerhalb von vierundzwanzig Monaten - zwischen Anfang 1978 und dem 2. Dezember 1980, dem Zeitpunkt seiner Verhaftung - sieben Doppelzentner Basismorphin, wie er als Kronzeuge der Justiz Ermittlungsrichter Falcone berichtete.

Das von Mannoia und den Familien Bontate und Inzerillo raffinierte Rauschgift wurde für fünfzigtausend Dollar pro Kilo an die Mafiafamilie Gambino weiterverkauft, die es wiederum für hundertdreißigtausend Dollar pro Kilo an ihre amerikanischen Verwandten auf Long Island weitergab. In diesen vierundzwanzig Monaten verdiente die sizilianische Mafia allein mit dem von Mannoia verarbeiteten Heroin zwischen dreißig und fünfunddreißig Millionen Dollar, die New Yorker Mafia zwischen achtzig und neunzig Millionen Dollar.

All dies war vor dem Mafiakrieg, in einer Zeit, als die Cosa Nostra nur ans Geld dachte.

Nach den drei großen Einwanderungswellen gab es keinen weiteren vergleichbar großen Zustrom der Mafia nach Amerika, doch der Weg dorthin blieb stets offen. Zwischen Sizilien und den Vereinigten Staaten gab es seit jeher einen regen Austausch von Mafiosi, und zwar in beide Richtungen.

Es war eine unehrenhafte Kapitulation. Nur durch die Fürsprache ihrer Verwandten aus Cherry Hill, der mächtigen Familie Gambino, konnten einige ihr Leben retten. Am Ende des Mafiakriegs der achtziger Jahre, nachdem die Corleoneser alle gegnerischen Gruppen ausgelöscht hatten - einundzwanzig Mitglieder allein der Familie Inzerillo -, schenkten Toto Riina und die Kommission ihnen ihr Leben: unter der Bedingung, dass sie nie mehr auf die Insel zurückkehrten. In Palermo nannte man sie »die Weggelaufenen« (g// scappati). Es wurde sogar ein Ehrenmann - Rosario Naimo - ernannt, der für die Einhaltung dieses Versprechens bürgen sollte. Fast zwanzig Jahre lang meldeten die scappati ihm jede Auslandsreise und jeden Wohnungswechsel. Sizilien jedoch war für sie tabu.

Zwischen 2002 und 2003 kehrten die scappati dann plötzlich massenhaft nach Palermo zurück. Sie bezogen Wohnung in denselben Vierteln und denselben Häusern, die sie verlassen hatten, um ihr Leben zu retten. Ihre Rückkehr spaltete die damals noch untergetauchten großen Mafiabosse Palermos. Salvatore Lo Piccolo befürwortete die Heimkehr der Inzerillo. Er hoffte, sie würden ihm helfen, jenes Bündnis zu schmieden, das ihn an die Spitze der Cosa Nostra bringen würde. Antonino Rotolo, ein Getreuer Toto Riinas, war dagegen. Er fürchtete ihre Rache und glaubte, die Inzerillo könnten sich ihre alte Macht zurückerobern. Wie üblich spielte Bernardo Provenzano, das damalige Oberhaupt der Cosa Nostra, ein doppeltes Spiel. Er bezog keine klare Position, schickte aber seine Leute nach New York, um mit den Verwandten der scappati Geschäfte zu machen.

Alle jedoch waren sich bewusst, dass die Rückkehr der Inzerillo für die sizilianischen Mafiosi die einmalige Gelegenheit bot, erneut in der internationalen Kriminalität eine Rolle zu spielen.

Jenseits des Atlantiks lebte damals Francesco Paolo Augusto Call, genannt Franky Boy. Er war der Sohn eines Kleinhändlers aus dem volkstümlichen palermitanischen Viertel Ballarö und hatte dank der Familie Gambino in Amerika ein Vermögen gemacht. Mit Franky Boy vergaßen die Mafiosi aus Palermo ihre Angst und ihre Ressentiments, und sie stiegen erneut in den Drogenhandel ein. In den folgenden vier, fünf Jahren herrschte zwischen Palermo und New York ein reger Geschäftsverkehr, bis im Februar 2008 das FBI und die italienische Polizei hundert dieser Mafiosi verhafteten.

Man kann jedoch sicher sein, dass sie bald zurückkommen werden. Diesseits oder jenseits des Atlantiks. Sie kommen immer zurück.

La Repubblica, 8. Februar 2008

 
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