Wie unterscheiden sich die Aufgaben eines Abtprimas von denen eines weltlichen Managers?

Notker Wolf: Die Gewichtung ist anders. Bei einem weltlichen Manager muss der finanzielle Erfolg eines Unternehmens im Vordergrund stehen, sonst muss Insolvenz angemeldet werden. Natürlich sind ethische Prinzipien unabdingbar, aber es muss auch Geld verdient werden, um die Mitarbeiter bezahlen zu können. Ferner ist die menschliche Komponente natürlich nicht zu vernachlässigen. Die Mitarbeiterinnen brauchen ein Umfeld, in dem sie sich wohlfühlen, sie müssen Anerkennung erhalten, damit sie gerne und effektiv arbeiten.

Auch in einem Kloster muss wirtschaftlicher Erfolg da sein, um überleben zu können, aber der Akzent liegt auf der Menschenführung. «Der Abt ist im Dienste seiner Brüder.» Er muss auf die individuellen Ausprägungen seiner Mitbrüder beziehungsweise die Äbtissin auf diejenigen ihrer Mitschwestern Rücksicht nehmen. Der Abt muss darüber hinaus bei wichtigen Fragen sämtliche Mitbrüder zu Rate ziehen. Bei weniger wichtigen soll er die Älteren zusammenrufen. «Tue nichts ohne Rat, dann brauchst Du auch nachher nichts zu bereuen», zitiert der heilige Benedikt aus dem Alten Testament. Ich habe mir hier in Sant’Anselmo auch einen Rat aus rund zehn Personen gebildet, darunter der Rektor der Universität, der Prior, der Cellerar und der sogenannte «development director», der zuständig ist für die Entwicklung unserer Stiftung.

Wie ist das weltweite Agieren und Operieren des Abtprimas mit dem monastischen Tagesablauf vereinbar?

Notker Wolf: In welches Kloster ich auch immer komme, ich nehme dort am nonnalen Tagesablauf teil. Ansonsten versuche ich, die Gebetszeiten für mich einzuhalten, wie sie vorgegeben sind, zum Beispiel wenn ich im Flugzeug sitze. Das Gebet ist für mich wichtig, da ich so zurückkehre zum Kem meiner Existenz und mich mit Gott austausche. Ihm fühle ich mich auch verantwortlich. Strukturmäßig ist der Heilige Vater mein Vorgesetzter als oberster Repräsentant der Kirche. Dieser wiederum hat ja seine sogenannten Kongregationen, in etwa den Ministerien vergleichbar. Darunter gibt es auch eine Kongregation für die Ordensleute. Ansonsten kann man es auch so sehen: «Die Mönche müssen einem gehorchen, nämlich dem Abt, und der Abt muss vielen gehorchen!» Indem man dem Oberen gehorcht, gehorcht man auch Gott, so ist das zu verstehen.

 
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