Ist der Mangel an Ordensnachwuchs ein Problem?

Notker Wolf: Einmal gibt es in der Gesellschaft selbst ja immer weniger Nachwuchs. Woher sollen wir noch Nachwuchs bekommen, wenn in unserer Gesellschaft keine Kinder mehr geboren werden? Oder wenn zum Beispiel in einer Familie nur ein Sohn da ist, kann man sich vorstellen, wie die Eltern reagieren, wenn dieser in einen Orden eintreten möchte, aber eigentlich beispielsweise das elterliche Unternehmen weiterführen sollte. Ein Kloster spiegelt auch die demographische Situation einer Gesellschaft wider. Aber es gibt ja heute durchaus Novizen, viele Klöster haben Nachwuchs, aber eben nicht mehl' in der Anzahl wie zu der Zeit, in der ich ins Kloster eingetreten bin.

Wir zentral in Rom rekrutieren keinen Nachwuchs, dies ist Aufgabe der einzelnen Klöster. Dabei gibt es beispielsweise Einrichtungen wie «Kloster auf Zeit» oder auch Jugendarbeit und die Webseiten der einzelnen Klöster oder der übergreifenden Ordenseinrichtungen.

Die Ehelosigkeit ist ein großes Problem, weil sich die jungen Leute heute sehr früh sexuell binden und dann gar nicht mehr frei sind. Wie diese Entwicklung weitergehen wird, ist heute noch gar nicht absehbar.

Haben Orden überhaupt noch Zukunft?

Notker Wolf: Orden verkörpern immer die Nachfolge Christi, und das ist eine Berufung. Die Zukunft hängt nicht am Menschen, sondern an Gott. Gott gibt die Zukunft. Vielleicht gibt es dann andere Ordensfoimen oder andere Bewegungen, ich habe nicht den Eindruck, dass das Interesse an Religion verloren geht. Menschen suchen doch sehr stark nach dem Sinn des Lebens und finden zum Teil im Christentum Halt. Das müssen die Leute erleben und erfahren.

Welche Aufgaben haben Orden heute?

Notker Wolf: Ein Stück Wegweisung, dass das menschliche Leben sich nicht erschöpft im Konsum und nicht nur auf unser irdisches Dasein beschränkt sein soll. Manches, was in unserer Gesellschaft als besonderer Wert dargestellt wird, sollte doch durch das Ordensleben hinterfragt werden, zum Beispiel das sich Verwirklichen durch Besitz, Karriere und Sexualität. In dieser Hinsicht stellen die Orden einiges in Frage. Zufriedenheit entsteht nicht dadurch, dass ich eine Menge besitze, sondern dass ich möglichst wenig brauche. Benediktinerklöster sind da Kristallisationspunkte für Menschen, die auf der

Suche sind. Es kommen ja sehr viele in unsere Klöster zu Exerzitien oder auch privat. So eine Gemeinschaft zieht einfach an, gerade junge Menschen. Diese sehnen sich nach Gemeinschaft. Die Liturgie zieht an. Im Ordensleben wird deutlich, dass wir eine Beziehung zu Gott haben, die in den Klöstern eine Form annimmt. Sie spricht die Menschen nicht nur im Hinblick auf die Ästhetik an, sondern von der ganzen Existenz her. Wir sollten uns als Ordensleute einmischen in die Gesellschaft, denn wir sind ja ein Teil von ihr. Wir sind keine Politiker, aber wir haben vom Evangelium her Prinzipien, die wir weder verschweigen müssen noch dürfen.

 
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