Geschichte

Wie alt ist China?

Wer nach China kommt, wird schnell mit der Aussage von der fünftausendjährigen Geschichte Chinas konfrontiert. Diese Zahl mag dem Historiker ein wenig willkürlich erscheinen. Wie soll man den Beginn der «Geschichte» überhaupt bestimmen? Belege für eine frühe Besiedelung Chinas durch den Homo Erectus lieferten zu Anfang des 20. Jahrhunderts in der Nähe von Peking Knochenfunde, die auf ein Alter von 300.000 bis 700.000 Jahre geschätzt werden. Auf der Grundlage dieser und anderer Funde lehnt eine Reihe chinesischer Wissenschaftler die sogenannte «Out of Africa»-These ab, derzufolge der Mensch sich von Afrika aus auf der ganzen Welt ausbreitete. Ihrer Meinung nach hat sich der Mensch an verschiedenen Stellen der Welt, unter anderem in China, unabhängig entwickelt.

Zu den ersten bedeutenden Kulturen, die Archäologen in China ausmachen konnten, gehören die Yangshao- (5000 - 3000 v. Chr.) und die Longshan-Kultur (3000 - 2000 v. Chr.). Eine ganze Siedlung, die auf die Zeit um 4000 v. Chr. datiert, wurde in Banpo, einem Dorf bei Xi’an in der westchinesischen Provinz Shaanxi, gefunden. Weil sich in einigen Frauengräbern mehr Tongefäße als in Männergräbern befanden, wird dem Besucher unter Verweis auf Friedrich Engels nahegelegt, in Banpo habe das «Matriarchat» geherrscht. Jedoch sind die Belege zu dünn, als dass dieser Theorie gefolgt werden könnte.

Die Vorstellung von der fünftausendjährigen Geschichte geht auf die Angaben der traditionellen chinesischen Historiographie zurück. Als sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts in China eine kritische Bewegung daran machte, überkommene Vorstellungen zu hinterfragen, fiel bald auf, dass die chinesische Geschichte paradoxerweise umso weiter zurückreichte, je weiter sie voranschritt: In den frühesten Texten ist immer wieder von den drei Kaisern Yao, Shun und Yu die Rede, die alle im dritten Jahrtausend v. Chr. gelebt haben sollen. Im 3. Jahrhundert v. Chr. wird die Geschichte um weitere Herrscher ergänzt, vor allen Dingen den Gelben Kaiser, der einige Generationen vor Yao China regiert haben soll, und Shennong, den «Göttlichen Landmann», der auch als «Flammenkaiser» bekannt ist. Als Weltenschöpfer ist in manchen Texten des 2. Jahrhunderts Pangu angegeben, in anderen das Paar Fuxi und Nüwa, das in der Ikonographie gerne in Form zweier verschlungener Drachen dargestellt wird. Um das Jahr 0 westlicher Zeitrechnung finden sich erste Versuche, diese Kaiser in eine zeitliche Abfolge zu bringen und auszurechnen, wann sie gelebt haben. Erst im 11. Jahrhundert ist dieser Prozess der Errechnung einer mythischen Chronologie ganz ab geschlossen. Fuxi soll danach im Jahr 2852 v. Chr. die Herrschaft angetreten haben, der Flammenkaiser 2737 und der Gelbe Kaiser 2697 v. Chr.

Seit einiger Zeit hört man in China immer häufiger die Bezeichnung «Enkel des Gelben Kaisers und des Flammenkaisers» für das chinesische Volk, und es gibt mehrere Stätten, an denen Statuen dieser Gründerahnen aufgestellt wurden. Dies geschieht in Anlehnung an den chinesischen Bauernkalender, der seine Jahreszählung mit dem Gelben Kaiser beginnt. Doch ist sich die Wissenschaft in China und andernorts weitgehend einig, dass dieser ebenso wie Yao und Shun ins Reich der Mythologie zu verweisen ist. Keine Einigkeit besteht allerdings hinsichtlich der Person des Yu, dem traditionell die Bändigung der überbordenden Fluten und die Einteilung Chinas in neun Regionen zugeschrieben wurde. Er ist nämlich der Begründer der Xia-Dynastie, die bis zum Machtantritt der Könige der Shang-Dynastie im 18. Jahrhundert v. Chr. für mehr als 400 Jahre über China geherrscht haben soll. Von der überwiegenden Mehrzahl der westlichen Sinologen wird auch diese als mythisch angesehen, weil es keinerlei archäologische Zeugnisse gibt, die die Historizität der Xia-Dynastie belegen könnten. Chinesische Wissenschaftler indes glauben, die Chronologie der Xia-Dynastie einigermaßen sicher bestimmen zu können. Sicheren Boden betritt die Wissenschaft erst mit der Dynastie Shang, aus deren Zeit schon eine recht genaue Herrscherfolge überliefert war. Diese ist Ende des 19. Jahrhunderts durch den Fund von zu Orakelzwecken verwendeten Knochen, in die Namen der Shang-Herrscher eingeritzt waren, eindrucksvoll bestätigt worden. Die Rede von 5000 Jahren ist also eindeutig ahistorisch. Sie hat aber für das sonst sehr historisch denkende China den Vorteil, die eigene Geschichte an den Beginn der alten Hochkulturen des Vorderen Orients heranzuführen, der etwa auf 3000 v. Chr. anzusetzen ist.

 
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