Woher kommt der europäische Name Chinas?

Eine Antwort auf diese Frage fällt viel schwerer, als manches Einführungswerk glauben machen möchte. Allgemein wird angenommen, dass sich die Bezeichnung China vom Namen der Dynastie Qin (sprich: Tchin, mittelchinesisch «Ts’ien»), herleitet, die im Jahr 221 v. Chr. das chinesische Reich einte. Indessen sprechen die meisten römischen Quellen, unter denen Plinius der Ältere und Strabo hervorzuheben sind, von einem Land der Serer, also der Seidenhersteller, wenn von den östlichsten Gegenden der Welt die Rede ist. Hinter diesem Wort steckt allerdings keine echte Kenntnis Chinas, so dass auch ein anderes Volk gemeint sein könnte. Nach landläufiger Auffassung schon im 1. Jahrhundert n. Chr. verfasst worden ist der Heidelberger Periplus Maris Erythraei, der ein im äußersten Norden gelegenes Land This und dessen mit Seide handelnde Stadt Thinae erwähnt, die manche gerne mit China und Qin gleichsetzen wollen. Andererseits siedelt Ptolemaios die Stadt Thinae im äußersten Süden von «Sinai» an, das aber von manchen Fachleuten nicht unbedingt als China identifiziert wird, sondern eher Südostasien bezeichnen könnte. In chinesischen Quellen ab dem 4. Jahrhundert findet ein See mit Namen «Qin-Meer» Erwähnung, der heute in der Wüste Taklamakan lokalisiert wird. Dies könnte dafür sprechen, dass «Sina» auf ein China vorgelagertes zentralasiatisches Land zurückgehen könnte.

Aussagekräftige Belege gibt es erst aus dem 6. Jahrhundert, in dem der byzantinische Historiker Prokopios den Schmuggel von Seidenraupen aus Serinda beschreibt und der Indienfahrer Kosmas vom Seidenland «Tzinista» berichtet. Indes hat es zu dieser Zeit zusätzlich eine Jin-Dynastie und drei weitere, von nomadischen Fremdvölkern gebildete «Qin-Dynastien» gegeben (in der zweiten

Hälfte des 4. Jahrhunderts), auf die der Name «China» ebenfalls zurückgehen könnte. Schon im 1. Jahrhundert heißt es aber in chinesischen Quellen, dass Nachbarvölker die Chinesen als «Männer von Qin» bezeichneten, obwohl mittlerweile die Dynastie Han (207 v. Chr. - 220 n. Chr.) an der Macht war.

Der russische Name für China lautet «Khitai», und die Abwandlungen «Catay» oder «Cathay» finden sich überdies in der westeuropäischen Literatur. Wie «China» geht auch diese Bezeichnung auf eine Dynastie zurück, nämlich auf die Liao-Dynastie, die zu Beginn des 10. Jahrhunderts in Nord- und Nordwestchina von dem möglicherweise mongolischen Volk der Khitan gegründet wurde. Lange hielt sich übrigens in Europa der Glaube, dass es sich bei Sina und Khitai um zwei verschiedene Länder handele.

Ein weiteres Detail erstaunt den Betrachter: In der zu Beginn des 5. Jahrhunderts verfassten Geschichte der Späteren Han-Dynastie (25-220 n. Chr.) ist die Rede von einem Land namens «Großes Qin», das sich «westlich des Meeres» und westlich von Indien befinde. Die Identifizierung des «Großen Qin» mit «Rom» ist mittlerweile allgemein anerkannt. Zur Begründung, warum man in China diesen Namen verwende, sagt der Text lediglich, die Bevölkerung sei groß, ausgeglichen und gerecht, genau wie in China selbst. Daher habe man das Land «Großes Qin» genannt. So könnte es sein, dass der Name «China» eine Spiegelung einer Bezeichnung ist, die chinesische Händler den Römern gaben.

 
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