Gibt es Arbeitslosigkeit oder Wer sind die Verlierer des Reformprozesses?

Offiziell hat China eine Arbeitslosenquote, die bei etwa vier Prozent liegt. Allerdings sind in dieser Zahl nur die etwa 150 Millionen großstädtischen Arbeitskräfte erfasst, die wesentlich größere Bevölkerung, die auf dem Land und in Kleinstädten in der Landwirtschaft, aber auch in der Leichtindustrie arbeitet, ist darin nicht berücksichtigt. Würde diese hinzugezählt, dann stiege die Quote beträchtlich an, wobei die statistischen Ämter der Provinzen mit der Datenaufnahme vermutlich bei weitem überfordert wären. Die Landbevölkerung, die zu Beginn der Reformpolitik Deng Xiaopings Gewinner der Veränderungen war, ist längst zurückgefallen. Ihr Einkommen ist im Vergleich zu den Gehältern der Städter in den letzten Jahren nur schwach gestiegen, und die Überbevölkerung, die weitgehend auf ihr Konto geht, setzt ihr schwer zu. Obwohl die Wachstumsrate mit 1,6 Kindern pro Frau offiziell deutlich unter dem Weltdurchschnitt liegt, reicht sie doch dafür aus, dass die Bevölkerung momentan noch jährlich um etwa 10 bis 12 Millionen Menschen zunimmt. Chinas Regierung ist deshalb auf Gedeih und

Verderb auf wirtschaftliches Wachstum angewiesen, um alle Bewohner zu ernähren.

Obwohl das Problem der Landbevölkerung in China bekannt ist und diskutiert wird, konzentriert sich die Politik bei ihrer Wahrnehmung von sozialen Brennpunkten auf die städtischen Arbeitskräfte, die ein größeres Unruhepotential darstellen. Seit Mitte der 90er Jahre hat die chinesische Regierung marode Staatsbetriebe bewusst bankrott gehen lassen. Das geschah zwar in einem kontrollierten Prozess, sorgte aber doch in Industrieregionen, in denen wenig ausländische Investitionen getätigt wurden, für erhebliche Schwierigkeiten. Diese wurden dadurch verschärft, dass entlassene ältere Arbeitskräfte auf allen Ebenen mit einem Heer junger Schul- und Hochschulabgänger um Arbeitsplätze konkurrierten. Universitätsabsolventen wurden im sozialistischen China einfach auf Firmen und Ämter verteilt. Heute müssen sie sich ihre Arbeit selbst suchen und haben es dabei mindestens so schwer wie ihre Kollegen in Deutschland. De facto dürfte die Arbeitslosigkeit höher sein, als es die offiziellen Zahlen erkennen lassen, wenn auch in bestimmten Bereichen offene Stellen nicht besetzt werden können.

Um diesem Problem beizukommen, gibt es die Regelung, dass Angestellte in staatlichen Betrieben sehr früh in Rente zu gehen haben: die Frauen im Alter von fünfzig, die Männer im Alter von sechzig Jahren. Da jedoch der Staat früher kein echtes Rentensystem aufgebaut hat, ist der Betrag, den er heute zahlen kann, verschwindend gering. Die «Rentner» sind deshalb gezwungen, sich ein zweites Standbein aufzubauen. Auch sie konkurrieren also mit den Arbeitslosen und den jungen Neuzugängen auf dem Arbeitsmarkt. Ganz hart trifft es Chinas schnell wachsende Gruppe von Alten: Die Einkindehe, die zu Beginn der 1980er Jahre verbindlich eingeführt wurde, hat besser funktioniert, als mancher westliche Beobachter dachte. Allerdings hat sie nicht nur das Bevölkerungswachstum gesenkt, sondern auch dafür gesorgt, dass die Alten von den Jungen nicht mehr finanziert werden können. Da zudem das Krankenversicherungssystem noch in den Kinderschuhen steckt, haben viele alte Menschen kaum eine Möglichkeit, ärztliche

Leistungen zu bezahlen. Der sogenannte Gini-Koeffizient, der angibt, wie weit das reichste Zehntel der Bevölkerung eines Landes vom ärmsten entfernt ist, steht in China bereits ungünstiger als in den USA, für die extreme soziale Gegensätze ebenfalls charakteristisch sind. Die Schere öffnet sich immer weiter. Auch dies ist allerdings ein Problem, das China mit dem Rest der Welt teilt.

 
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