Warum baut man riesige Staudämme und Kanäle?

Ein Beispiel, anhand dessen in Europa die Rücksichtslosigkeit chinesischer Politik besonders häufig dokumentiert wird, ist der Bau des Drei-Schluchten-Staudammes am Yangzi, dem eine uralte, von chinesischen Dichtern immer wieder besungene Kulturlandschaft zum Opfer gefallen ist und für den Millionen Menschen umgesiedelt werden mussten - zum Teil unter Vorspiegelung falscher Versprechungen. Weil die Folgen der Aufstauung für die Umwelt und auch das Gefahrenpotential des Projektes nicht endgültig einzuschätzen sind, gab es fast ein Drittel Nein-Stimmen im Nationalen Volkskongress, dem chinesischen Parlament, als darüber abgestimmt werden musste. Eine so hohe Ablehnungsrate hatte es in diesem Gremium, von dem man Ergebnisse im Bereich zwischen 98 und 100 Prozent Zustimmung gewohnt war, selten gegeben. Gegner der Talsperre befürchten einen etwa durch ein Erdbeben ausgelösten Bruch der hundert Meter dicken Mauer. Bei einem solchen Dammbruch, der allerdings kein sehr wahrscheinliches Szenario darstellt, könnten Millionen Menschen ums Leben kommen.

Mit dem Bau, der ein Lieblingsprojekt des Ingenieurs und ehemaligen Ministerpräsidenten Li Peng war, beabsichtigt man zwei Probleme zu lösen: Einerseits soll unter Einsatz von möglichst wenig Fremdenergie ein Maximum an Strom erzeugt werden, an dem chronische Knappheit herrscht. Andererseits verbindet sich damit die Hoffnung, die Hochwasser des Yangzi besser in den Griff zu bekommen, denen alljährlich eine große Zahl von Menschen zum

Opfer fällt. Ob sich die hochfliegenden Erwartungen erfüllen werden, lässt sich nicht absehen. Zwar sind die 26 Turbinen bereits in Betrieb, doch läuft das Wasser noch ein.

2002 genehmigte die chinesische Regierung ein weiteres Projekt, dessen Ziel es ist, durch den Bau von Kanälen Wasser aus dem Süden nach Nordchina umzuleiten. Der Norden, vor allem die Stadt Peking, ist seit Jahren von einer Dürre betroffen. Dies hat sogar schon zu Diskussionen darüber geführt, ob die Stadt auf absehbare Zeit Hauptstadt bleiben könne, weil der Trinkwasserspiegel gefährlich gesunken ist und auch die Wasservorräte der in der Umgebung der Stadt liegenden Stauseen nicht mehr sehr lange vorhalten werden. Vergleichbare Projekte, die in den 1980er Jahren in der Sowjetunion erdacht worden waren, hatte man dort aufgrund der Unwägbarkeiten und technischen Schwierigkeiten fallen lassen. In China jedoch herrscht ein unbeirrbarer Glaube an die technische Machbarkeit. Dabei ist an Karl Wittvogels berühmtes Buch «Die orientalische Despotie» zu erinnern, in dem er China als «hydraulische Gesellschaft» bezeichnet hat, weil seine Herrscher die Ausübung ihrer Macht seit frühesten Zeiten vor allem dadurch legitimieren konnten, dass sie große Wasserbauprojekte durchführten, dem Volk dadurch Gefahrenquellen beseitigten und ein besseres Leben ermöglichten.

 
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