Weiche Dialekte hat das Chinesische?

Das Chinesische ist in eine ganze Reihe von Dialekten auf gespaltet, die zum Teil so unterschiedlich sind, dass sich ihre Sprecher untereinander kaum verständigen können. Phonologisch betrachtet sind diese Dialekte weiter voneinander entfernt als zum Beispiel eng verwandte romanische Sprachen wie Spanisch und Italienisch, wohl auch Französisch, oder slawische Sprachen wie Tschechisch und Polnisch, ganz zu schweigen von den erst in jüngster Zeit aus politischen Gründen wieder in den Stand getrennter Sprachen erhobenen südslawischen Dialekten Kroatisch und Serbisch. Von insgesamt acht großen Dialekten ist der bei weitem wichtigste das Nordchinesische, das von etwa 850 Millionen Menschen gesprochen wird. Da das Zentrum des chinesischen Reiches bis zum 10. Jahrhundert in Nordchina lag und die herrschenden Dynastien Interesse an einem einheitlichen Sprachstandard ihrer Bürokratie hatten, wurde auf der Basis des nördlichen Dialektes die Beamtensprache geschaffen, die bei uns unter dem Namen Mandarin bekannt ist. Mit der Ausdehnung des chinesischen Herrschaftsgebietes drang der nordchinesische Dialekt seit dem 10. Jahrhundert auch in andere Regionen vor. Daher wird Nordchinesisch außer in den heutigen Provinzen Peking, Shanxi, Shaanxi, Hebei und Henan sowie Gansu auch in den nordwestlichen autonomen Provinzen Xinjiang und Tibet, in der Mandschurei, in Sichuan und Yunnan gesprochen, wobei es allerdings durch natürliche Eigenentwicklungen sowie durch

Sprachkontakte zu starken Differenzierungen gekommen ist. Einen interessanten Fall stellt die Stadt Hangzhou dar, die eigentlich zum Gebiet der südchinesischen Wu-Dialekte gehört. Da 1127 der Hof der Song-Dynastie aus Nordchina dorthin fliehen musste, findet sich in Hangzhou ein starker nördlicher Einschlag.

Unter den südchinesischen Dialekten, die sich zum Beispiel dadurch auszeichnen, dass bei ihnen im Silbenauslaut neben den im Hochchinesischen vorhandenen Vokalen und dem «n» auch die Verschlusskonsonanten «p», «t» oder «k» vorkommen können, ist der Wu-Dialekt mit seinen 77 Millionen Sprechern der nördlichste. Die bekannteste Variante wird von den Bewohnern Shanghais gesprochen. An der chinesischen Küstenlinie schließen sich im Süden der etwa zehn Millionen Sprecher umfassende Nord-Min (= Minbei)-Dialekt sowie Hokkien (bzw. Süd-Min = Minnan) an, das in der Provinz Fujien (= Hokkien) und auf Taiwan von etwa vierzig Millionen Menschen gesprochen wird. Hauptsächlich aus politischen Gründen bezeichnet man auf Taiwan Hokkien gerne als «Taiwanesisch»; linguistisch betrachtet ist der Unterschied zwischen Taiwanesisch und Hokkien aber unbedeutend. In vielen Ländern Südostasiens ist Hokkien eine der wichtigsten Sprachen der Überseechinesen. Ganz im Süden Chinas zählt das Kantonesische über achtzig Millionen Sprecher, unter anderem in Hongkong. Dieser Dialekt ist von besonderer Bedeutung, weil die Kantonesen schon im 19. Jahrhundert die wichtigste Gruppe von Emigranten in den USA stellten. Zwischen dem Gebiet des Hokkien und dem des Kantonesischen liegt der Sprachraum der etwa dreißig Millionen Hakka, die eine Reihe von kulturellen Eigenheiten aufweisen und auch auf Taiwan stark vertreten sind. Nordwestlich der Hakka wird im Binnenland von Hunan von 36 Millionen Chinesen der Xiang-Dialekt gesprochen. Schließlich ist noch das Gan zu nennen, das hauptsächlich in der Provinz Jiangxi beheimatet ist und etwa zwanzig Millionen Sprecher hat.

 
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