Welcher Sprachfamilie gehört das Chinesische an?

Die drei großen Sprachfamilien der Welt werden herkömmlich als flektierend, agglutinierend und isolierend bezeichnet. Obwohl diese Terminologie mittlerweile vielfach als nicht konsequent kritisiert wird, gibt es für sie noch keinen adäquaten Ersatz. Die meisten europäischen Sprachen sind ihr zufolge flektierende Sprachen, deren Wortstämme veränderlich sind (oder «gebeugt» werden können). Die sogenannten altaischen Sprachen Türkisch, Mongolisch und Mandschurisch, aber auch die finno-ugrischen Sprachen, das Koreanische und das Japanische gelten als agglutinierend, weil grammatikalisches Geschlecht, Verbformen oder die Kasusbildung durch das «Ankleben» von Suffixen bzw. Endungen an den unveränderlichen Stamm Zustandekommen. China ist also in seinem Westen, Norden und Osten von Sprachen umstellt, die mit dem Chinesischen in grammatikalischer Hinsicht nicht das Geringste zu tun haben. Die miteinander verwandten Sprachen Chinesisch und Tibetisch, zu denen auch das Birmesische und verschiedene kleine Sprachen der Region gehören, sind hingegen «isolierend». Das bedeutet, dass bei ihnen der Wortstamm unveränderlich ist und auch keine Endungen an ihn angehängt werden.

Im modernen Chinesischen stimmt dies allerdings nicht ganz. Es gibt durchaus Endungen, die Worten eine bestimmte Bedeutung geben können. Diese Tatsache wird allerdings dadurch überdeckt, dass mit Zeichen geschrieben wird und ursprünglich jedes Zeichen einem eigenständigen Wort entsprach. Deshalb sehen einfache Endungen wie selbständige Wörter aus. Bis zur Vierte-Mai-Bewegung 1919 hat man in China über einen Zeitraum von zweitausend Jahren zumindest die als literarisch hochstehend angesehenen Texte in einer klassischen Hochsprache geschrieben, deren Ursprung im 4. und 3. Jahrhundert v. Chr. anzusiedeln ist. Diese Hochsprache hat zwar durchaus im Laufe der Jahrhunderte eine Weiterentwicklung erfahren, sich aber schon im Laufe des 2. oder 1. vorchristlichen Jahrhunderts von der gesprochenen Sprache entfernt. Im klassischen Chinesischen, das sich die Sprache der Denker des dritten vorchristlichen Jahrhunderts immer zum Vorbild nahm, gab es nur wenige aus zwei Zeichen zusammengesetzte Worte. Heute ist dies anders: Da der Lautbestand des Chinesischen nur 416 Silben beträgt, von denen die meisten - aber durchaus nicht alle - in vier verschiedenen Tönen ausgesprochen werden können, so dass sich insgesamt etwa 1500 verschiedene Silben unterscheiden lassen, würde eine Reduktion von Wörtern auf einzelne Silben zu ständigen Missverständnissen führen. Deshalb bestehen die meisten Worte mittlerweile aus zwei, drei oder gar mehr zusammengesetzten, ursprünglich selbstständigen Wortsilben, die in unterschiedlicher Weise kombiniert werden können.

Auch das klassische Chinesisch war übrigens nicht völlig isolierend, sondern weist eine auch heute noch deutlich erkennbare Morphologie auf. Viele Zeichen haben zwei oder mehrere Töne oder Aussprachen, die häufig auf ein Ableitungsverhältnis zurückzuführen sind, das grammatikalisch beschrieben werden kann. Zudem haben vermutlich bestimmte Vorsilben Einfluss auf den Anlaut und die Tonalität genommen. Diese Phänomene müssen jedoch für das klassische Chinesische mühsam rekonstruiert werden, weil die Zeichenschrift viele lautliche Besonderheiten verdeckt hat.

 
Quelle
< Zurück   INHALT   Quelle   Weiter >