Muss man darauf achten, dass Chinesen ihr Gesicht nicht verlieren?

In jedem Managementratgeber für die Unternehmensführung in China ist nachzulesen, dass es für einen Chinesen nichts Schlimmeres gebe, als sein Gesicht zu verlieren. In der Tat scheint der Ausdruck «Gesichtsverlust» seinen Eingang in europäische Wörterbücher erst im 19. Jahrhundert gefunden zu haben, nach der Begegnung mit Ostasien, wo die Formulierung zu dieser Zeit schon eine feststehende Redewendung war. Sie scheint allerdings in Japan deutlich älter zu sein als in China, wo sie nach dem Eindruck des Verfassers dieser Zeilen erst im 17. Jahrhundert ihren Einzug in die Literatur zu nehmen begann.

«Gesichtsverlust» findet dann statt, wenn im Beisein dritter eigene Verfehlungen oder intime Belange thematisiert werden oder wenn direkt eingestanden werden muss, dass es einem nicht möglich ist, bestimmte eingegangene Verpflichtungen einzuhalten. Im Grunde bezeichnet der Begriff also nichts anderes als derjenige der «Peinlichkeit» im Deutschen. Vermutlich ist der Effekt in China auch nicht sehr viel anders als in Deutschland, wenn zum Beispiel eine Peinlichkeit aus Versehen oder absichtlich begangen oder nicht vermieden wird. Zumeist führt das zu Verhärtungen auf Seiten des Betroffenen, manchmal auch zu Solidarisierung anderer mit ihm. Wichtig ist das Thema aber deswegen, weil Ausländer solche Dinge in fremden Kulturen oft nicht bemerken, da sie nicht wissen, was dort als peinlich gilt. Dafür gibt es im übrigen kaum feststehende Regeln. Traditionell zum Beispiel hätte es für jeden Chinesen einen Gesichtsverlust bedeutet, wenn sein Gast beim Essen den Teller bis zum letzten Rest leer gegessen hätte - denn damit hätte er eingestehen müssen, den Gast nicht gut genug versorgt zu haben. Doch im Zeitalter zunehmender Kenntnis des Anderen kann solches Verhalten von Seiten eines Europäers mittlerweile durchaus auch als Kompliment für die eigene Küche aufgefasst werden. Grundsätzlich gilt, dass man in China die Höflichkeitsregeln, die auch in Deutschland gelten, einhalten sollte, dann wird es selten zu «Gesichtsverlust» kommen.

Eine Besonderheit ostasiatischer Sprachen ist, dass man einem Partner Gesicht auch geben kann. Dies bedeutet zum Beispiel, ihn mit verantwortungsvollen Aufgaben zu betrauen oder sprachlich so aufzuwerten, dass sein Prestige in der eigenen sozialen Gruppe steigt. Dabei ist interessant, dass das Chinesische im Falle von «Gesichtsverlust» ein anderes Wort für Gesicht verwendet als beim «Geben von Gesicht».

 
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