Wie ist die gesellschaftliche Stellung der Frau heute?

Mao Zedong sorgte aktiv für die Gleichberechtigung der Frau in vielen Bereichen. Besonders während der Kulturrevolution, als die Regel galt, dass es keinerlei Unterschiede zwischen Mann und Frau geben sollte, stiegen viele Frauen in mittlere Leitungsebenen auf. Deshalb ist es heute besonders in staatlichen Stellen, aber auch in vielen Unternehmen nicht ungewöhnlich, auf Frauen als Gesprächs- und Geschäftspartnerinnen zu treffen. In den obersten Etagen ist ihre Zahl allerdings nach wie vor klein.

Zudem gibt es heute mehrere gegenläufige Trends: Während Chinesinnen in den Familien sehr häufig ganz traditionell das Sagen in Geldangelegenheiten haben und besonders in Dienstleistungsunternehmen zum Teil erstaunliche Karrieren machen können, hat die Phase der sozialistischen Marktwirtschaft umgekehrt auch dazu geführt, dass alte Traditionen, von denen die Regierung lange Zeit glaubte, sie eingedämmt zu haben, wieder Einzug in die Gesellschaft halten. Prostitution ist ein einträglicher Wirtschaftszweig und ein erheblicher Wirtschaftsfaktor, dessen Einnahmen die ohnehin schon hohen amtlichen Steigerungsraten des Bruttoinlandsprodukts deutlich nach oben korrigieren könnten. Allerdings ist nicht leicht abzuschätzen, wie sich die Prostitution auf die Stellung der Frau auswirkt: Einerseits werden durch sie nämlich Mädchen, die sonst in ihrer bäuerlichen Umgebung nur wenig darstellen, zu Haupternährerinnen ihrer Familien, andererseits führt sie natürlich dazu, dass Frauen von Männern, die es sich leisten können, auf den Status von Objekten herabgestuft werden.

Reiche Chinesen halten sich immer häufiger Zweitfrauen. Dies geschieht nicht nur zum Vergnügen, sondern kommt oft vor, wenn das eine Kind, das mit der ersten Frau gezeugt wurde, kein Sohn ist. Zwar gelten Kinder von Zweitfrauen als illegal und sind deshalb oftmals nicht registriert, was spätestens im Einschulungsalter Probleme bereitet. Doch wer Geld hat, kann über solche Schwierigkeiten hinwegsehen. Derweil steigt die Scheidungsrate, und viele Chinesinnen aus gehobeneren Schichten tun sich schwer mit der Partnersuche, weil sie befürchten, bei einer Heirat ihre Unabhängigkeit zu verlieren.

Ein gravierendes Problem, dessen Auswirkungen noch nicht vollständig abzusehen sind, ist die Tatsache, dass auf dem Land immer mehr weibliche Föten abgetrieben werden. Auf hundert Mädchen werden mittlerweile mindestens 118 Jungen geboren (normal wären 106), in armen Regionen zum Teil sogar noch viel mehr. Die weibliche Säuglingssterblichkeit ist um fast fünfzig Prozent höher als diejenige von Jungen. Obwohl überall auf dem Lande Schilder darauf hinweisen, dass es verboten sei, das Geschlecht des Kindes vor der Geburt per Ultraschall zu bestimmen, ist daher absehbar, dass in zwanzig Jahren für viele Männer Ehepartnerinnen unerreichbar sein werden. Das könnte bedeuten, dass auch auf diesem Gebiet eine Rückkehr zu traditionellen Lebensformen eintritt: Einige wenige reiche Männer werden polygam leben, während am anderen Ende der sozialen Hierarchie eine große Zahl von Männern unverheiratet bleiben und die Dienste von Prostituierten in Anspruch nehmen wird.

 
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