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6.2.2.1 Bedeutung von Aufgaben für einen kognitiv aktivierenden (Lese-) Unterricht

„Die angemessene Wahl und Implementierung von Aufgaben im Unterricht ist mit entscheidend dafür, ob eine Schülerin oder ein Schüler die Möglichkeit erhält, bisher gelernten Stoff anzuwenden und mit neuem Stoff zu verbinden, um so das vorhandene Wissensnetz zu erweitern.“ (Knoll, 1990, S. 47). Die Art der Aufgaben ist deshalb ein wichtiges Bestimmungsstück für die Qualität des Unterrichts (Seidel & Shavelson, 2007), insbesondere für die kognitive Aktivierung der Schülerinnen und Schüler, und als Übungsgegenstand zentral für die Qualität der Übungsphase (Arnold & Schreiner, 2006; Heymann, 2008). Aufgabenstellungen als grundlegende „Bausteine des Unterrichts“ (Lechner, 2008, S. 73; vgl. auch Ames, 1992) und Werkzeuge auf einer didaktischen Mikroebene (Kleinknecht, 2010a, b; Straka & Macke 2002) sind einer der wichtigsten Aspekte in der Unterrichtsplanung, da sich in ihnen die Ansprüche der Lehrpersonen manifestieren und sie die Lernprozesse der Schülerinnen und Schüler strukturieren (z. B. Bohl & Kleinknecht, 2009; Haas 1998; Kleinknecht, 2010c; Koch-Priewe, 2000; Krumm, 1985). Aufgaben haben weiterhin einen entscheidenden Einfluss auf das Lernen, da sie die Aufmerksamkeit des Lernenden auf spezifische inhaltliche Aspekte lenken und steuern, wie Informationen verarbeitet werden (Doyle, 1983; Stein, Grover & Henningsen, 1996).

„Instruction consists of interactions among teachers and students around content, in environments“ (Cohen, Raudenbush & Loewenberg, 2003, S. 122). Aufgaben sind also in gewisser Weise Mediatoren zwischen Lehrerverhalten und Schülerhandeln, sodass „die Art und Weise der inhaltlich orientierten kognitiven Aktivität der Schülerinnen und Schüler aufs Engste damit verknüpft (ist), ob und in welcher Abfolge überhaupt Aufgaben mit adäquatem kognitiven Potenzial als Gelegenheiten zum Lernen in den Unterricht kommen“ (Jordan et al., 2006, S. 13). Aufgaben werden daher auch als „Substrat der im Unterricht geschaffenen Lerngelegenheiten und somit (als) ein wichtiges Zeugnis für das kognitive Aktivierungspotential des Unterrichts" (Jordan et al., 2008, S. 86) oder als „Träger der kognitiven Aktivitäten der Schüler“ (Jordan et al., 2006, S. 13) bezeichnet. Viele Analyseinstrumente zur Beurteilung kognitiv aktivierenden Unterrichts fokussieren daher auf die Aufgaben als Lernangebot an die Schülerinnen und Schüler. Auch Indikatoren eines kognitiv aktivierenden Unterrichts nehmen vielfach Bezug auf die Art und Weise des Umgangs mit Aufgaben im Unterricht (z. B. Klieme et al., 2001).

Ebenso werden in Studien, in denen besonders erfolgreiche Lehrpersonen nach ihrer Praxis im Leseund Schreibunterricht befragt oder beobachtet wurden, häufig Merkmale der Aufgabenkultur als bedeutsame Einflüsse auf das Lernen der Schülerinnen und Schüler gefunden (Pressley et al., 1996; Pressley et al., 2001; Rankin-Erickson & Pressley, 2000; Taylor et al., 2000; Taylor et al., 2002; Wharton-McDonald et al., 1998; vgl. auch 5.2.2.2). Dazu zählen die Berücksichtigung von lowerund higher-order-skills (Dekodieren und Verständnis), das Realisieren verschiedener Leseaktivitäten, das Stellen authentischer Aufgaben, hohe Leistungserwartungen an die Lernenden, eine hohe Instruktionsdichte oder die Passung der Aufgabenschwierigkeit zur Schülerleistung.

Die Bedeutsamkeit von Aufgaben für den Unterricht lässt sich auch mit deren hohem Zeitanteil im Unterricht begründen. In einer Analyse zum Aufgabeneinsatz in Schülerarbeitsphasen des Biologieunterrichts (neunte Klasse Gymnasium) zeigt sich beispielsweise, dass im Schnitt 5 % der Zeit für die Instruktion, 37 % für die Bearbeitung und 25 % für die Auswertung von Aufgaben verwendet wird, während nur in 32 % der Zeit andere Aktivitäten ausgeführt werden. Damit erfolgt in 68 % der Unterrichtszeit eine Beschäftigung mit Aufgaben. Dabei werden durchschnittlich sechs Aufgaben pro Unterrichtsstunde gestellt (Jatzwauk, 2007). In der Studie zu Arbeitsaufträgen im Gruppenunterricht von Fürst (1999) dauerten die einzelnen Arbeitsaufträge im Schnitt 66 Sekunden.

 
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