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6.2.5. Individuelle Lernunterstützung in Schülerarbeitsphasen

Als ein weiteres Merkmal kognitiv aktivierender Leseübungen wird die individuelle Lernunterstützung der Lernenden durch die Lehrperson in Schülerarbeitsphasen betrachtet. Lernunterstützung kann als eine Form der Differenzierung – nämlich als Mikroadaption des Unterrichts an die Voraussetzungen der Lernenden – angesehen werden (vgl. 6.2.1), die das Ziel verfolgt, die einzelnen Schülerinnen und Schüler möglichst optimal zu fördern (Krammer, 2009). Die Unterstützung von Lernenden durch die Lehrperson wird in den verschiedenen Publikationen sehr unterschiedlich bezeichnet, beispielsweise im englischsprachigen Bereich als Tutoring, Guided Participation, Teacher Assistance oder in deutschsprachigen Publikationen als Hilfe/Hilfestellung, Lernbetreuung, Lernbegleitung, Lehrerintervention oder individuelle Lernunterstützung (zsf. Krammer, 2009). Die Schülerseite wird in der Forschung meist mit dem Begriff des Help Seeking untersucht, wobei zahlreiche Arbeiten verschiedenste Aspekte und Bedingungen des Hilfesuchverhaltens fokussieren (z. B. Aleven, Stahl, Schworm, Fischer & Wallace, 2003; Karabenick & Newman, 2006; Newman, 2006; Schworm & Fischer, 2006). Da in der vorliegenden Arbeit der Fokus auf dem Verhalten der Lehrperson liegt, wird darauf nicht näher eingegangen. In Anlehnung an Krammer (2009) wird individuelle Lernunterstützung verstanden als

Unterstützung von einzelnen oder einer kleinen Gruppe von Lernenden durch eine Person mit mehr Expertise beim Aufbau von Wissen respektive beim Erwerb von Kompetenzen zum Lösen einer Aufgabe oder eines Problems im Hinblick auf das zukünftige selbständige Bewältigen analoger Aufgaben und Probleme durch die Lernenden (S. 89).

Eine spezielle Form der Lernunterstützung, die aus der sozial-konstruktivistischen Lerntheorie (vgl. 3.2.2) stammt, ist das Scaffolding (z. B. Anghileri, 2006; Belland, Glazewski & Richardson, 2008; Clark & Graves, 2005; Collins et al., 1989; Lajoie, 2005; Meyer, 1993; Puntambekar & Hübscher, 2005; Reiser, 2004; Salonen & Vauras, 2006; van de Pol, Volman & Beishuizen, 2010; van Geert & Steenbeek, 2005; Wood et al., 1976). Ziel dabei ist es, ein Gerüst zur Verfügung zu stellen, sodass der Lernende mit Hilfe dieser Unterstützung Aufgaben bewältigen kann, die er ohne Hilfe nicht schaffen würde (vgl. Chaiklin, 2003, 2010; Collins et al., 1989; Oerter, 1992; Reiser, 2004; Stone 1998; Wood et al., 1976). Die Hilfestellungen der Lehrperson sollten also minimal sein, sich am bereits vorhandenen Wissen orientieren und die Lernenden durch geschickte Denkanstöße dazu bringen, ihre Wissensstrukturen zu erweitern (van de Pol et al., 2010; Wellenreuther, 2008), ihn also durch die Zone der nächsten Entwicklung begleiten (Wygotski, 1987; vgl. auch 3.2.2). Allerdings ist der Begriff Scaffolding nicht einheitlich definiert und wird in verschiedenen Studien auch unterschiedlich konzeptualisiert (van de Pol et al., 2010). Die Technik des Scaffolding ist auch Bestandteil bekannter Methoden zur Leseförderung (Clark & Graves, 2005), wie der Vermittlung von Lesestrategien (Duffy, 2002; Duffy et al., 1987; Duke & Pearson, 2002) und dem reziproken Lehren (Kirschhock, 2007; Palincsar & Brown, 1984).

 
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