Kennen wir schon alles, was bis jetzt komponiert wurde, und wie viel von der Musik, die wir kennen, ist bereits eingespielt?

Wer ein großes CD-Geschäft für klassische Musik besucht oder in Verzeichnissen von MP3-Files nachschaut, könnte leicht auf den Gedanken kommen, dass die in den zurückliegenden Jahrhunderten komponierte Musik ganz oder doch jedenfalls zum größten Teil eingespielt ist. Das Blättern in Lexika oder Bibliothekskatalogen belehrt den Interessierten schnell eines Besseren. Nur das Gesamtwerk der sogenannten großen Meister wie etwa Monteverdi, Bach, Mozart, Beethoven oder Wagner ist umfassend auf Tonträgern dokumentiert. Aber schon bei sehr bekannten Komponisten wie Telemann oder Vivaldi findet man nur einen Teil ihres Schaffens auf CD, von unbekannteren Komponisten - die in den 1950er Jahren noch als «Kleinmeister» links liegen gelassen wurden -und den erst seit etwa dreißig Jahren zunehmend ins Blickfeld gerückten Komponistinnen gar nicht zu reden. 2008, dem Jahr ihres 150. Geburtstages, sind nur die wenigsten der Opern, Symphonien, Messen und Kammermusikwerke von Ethel Smyth (1858-1944) eingespielt, geschweige denn ediert. Bisher ist allein das Schaffen der französischen Komponistin Louise Farrenc (1804-1875) in einer Gesamtausgabe publiziert, eine von tausenden von Komponistinnen.

Auch ob es sich lohnt, alle 44 Passionen Telemanns oder die über 200 Violinkonzerte Vivaldis aufzunehmen, ist eine berechtigte Frage. Sicher ist aber, dass sich von beiden noch viel Lohnendes für das Publikum verborgen hält. Und diese zwei genannten sind nur die Spitze eines sprichwörtlichen Eisberges.

Viele Kompositionen sind zwar nicht eingespielt, aber doch immerhin als gedruckte Noten den Musikern ohne Probleme zugänglich und somit im Konzert aufführbar. Doch betrifft das nur einen kleineren Teil dessen, was in großen Bibliotheken in aller Welt noch als Manuskript oder als lange zurückliegender Erstdruck lagert. Zudem sind viele Bestände bis heute nicht katalogisiert. Diese Tatsache trat mit dem großen Brand der Anna-Amalia-Bibliothek in Weimar 2004 ins öffentliche Bewusstsein: Damals wurden zahlreiche Musikalien, zum Beispiel die Cembalokonzerte von Anna Amalia, die weder gedruckt, kopiert noch bis dahin gesichtet waren, zerstört. Diese Musik ist für immer verloren.

Seit die Musikwissenschaft eine ihr gelegentlich angelastete «Heroengeschichtsschreibung» und «Meisterwerkhuldigung» kritisch befragt und eine breiter angelegte historische Forschung betreibt, sind viele bis dahin unbekannte Werke an die Öffentlichkeit gelangt. Wer aber beispielsweise die fast unberührten Bestände italienischer Bibliotheken einsieht, weiß, dass ein großer Teil aller bisher komponierten Musik noch darauf wartet, von zukünftigen Generationen entdeckt zu werden.

 
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