Wie teuer ist das Seelenheil?

Am 31. Oktober 1517 soll Martin Luther seine 95 Thesen an die Schlosskirche zu Wittenberg genagelt haben. Das war mindestens Sachbeschädigung. Andererseits war es nicht unüblich, zum Beispiel zu wissenschaftlichen Disputationes durch solche Anschläge einzuladen, auf denen auch schon die Thesen zu lesen waren, über die diskutiert werden sollte, die verteidigt oder bekämpft werden sollten. Einladung und Thesenpapier waren eins. Ob Luther dies tatsächlich getan hat, ist umstritten, weil die, die darüber berichten, wie beispielsweise Philipp Melanchthon, keine Augenzeugen waren. Dennoch: Wenn es nicht wahr ist, muss man es erfinden, denn auch eine Institution und eine Organisation wie die evangelische Kirche braucht eine solche Urszene. Die Thesen waren gedruckt, damit sie nicht nur an der Schlosskirche augenfällig angeschlagen, sondern auch anderenorts und möglichst weit verbreitet verteilt werden konnten. Heutzutage würde man Thesenpapiere kopieren, die dann herumfliegen, weswegen sie auch Flyer heißen. Damals jedoch war die Vervielfältigungstechnik zugleich die Buchdrucktechnik.

Es war Luthers dezidierte Absicht, eine breite Diskussion anzustoßen. Dass sie dann gleich eine Reformation auslöste, ist nicht zuletzt auf diese Vervielfältigungstechnik zurückzuführen. Luther war der Ablasshandel nicht zuwider, weil man sich damit von Sünden freikaufen konnte, sondern weil dies die Funktion und Bedeutung der Sünde im Verhältnis zwischen Gott und Mensch aushebelte. Seinen Landesherrn, Friedrich III., Kurfürst von Sachsen, mag der Kapitalabfluss aus dem Land nach Rom durch den Ablasshandel geärgert haben, für Luther jedoch war der Ablasshandel ein theologisches und ein religiöses Skandalen ersten Ranges. Durch eine entsprechende Spende konnte man sich die Absolution erkaufen, und damit dies bestätigt werden konnte, erhielt der liquide Exsünder einen Ablassbrief. Das Geschäft, ein kapitalintensiver Ablasshandel, angeheizt durch die entsprechenden Marketingkampagnen, zum Beispiel durch die Ablasspredigten eines Johann Tetzel, der in seiner unverfrorenen und unverschämten Art schließlich bei Luther das Fass zum Überlaufen brachte, boomte. Und deswegen wurden auch die Ablassbriefe, sozusagen Spendenbescheinigungen für höhere Instanzen, in großer Stückzahl gebraucht. Also wurden auch sie vervielfältigt, das heißt gedruckt. Mit Tetzel’schem Ablassbrief und

Luther’schem Thesenpapier haben wir also eine medientechnisch induzierte Konfliktsituation, die nicht möglich gewesen wäre, hätte nicht Johannes Gutenberg (eigentlich Gensfleisch) nach Experimenten in den 40er Jahren um 1450 sein Druckverfahren mit einer Druckpresse zum serienreifen Buchdruck entwickelt.

Nicht nur kann man die Erfindung des Buchdrucks als Medienrevolution bezeichnen, deren Bedeutung lediglich von der Erfindung der Schrift mehrere Tausend Jahre zuvor und der Erfindung des Computers ein halbes Jahrtausend danach eingeholt wird. Vielmehr zeigt sich zwischen diesen beiden Jahreszahlen 1451 (Gutenberg-Bibel) und 1517 (95 Thesen), dass die Welt unter den Bedingungen der technischen Reproduzierbarkeit von Texten (um ein Wort Walter Benjamins abzuwandeln) eine andere wird und dass die technische Erfindung zugleich eine der größten Weltrevolutionen (die man untertreibend als Reformation bezeichnet) ausgelöst hat.

 
Quelle
< Zurück   INHALT   Quelle   Weiter >