Wie verführt die Rhetorik?

In seinem Todesjahr werden von einem der größten Barock-Lyriker, von Christian Hofmann von Hofmannswaldau (1617-1679) eine Reihe von Gedichten veröffentlicht, unter anderem eines seiner berühmtesten, das «Sonnet» Vergänglichkeit der Schönheit mit den typisch barocken Themen carpe diem und memento mori. Der Hinweis auf die Vergänglichkeit der -hier ganz eindeutig: körperlichen und zudem weiblichen - Schönheit ist ja nur eine Exemplifikation des memento mori.

ES wird der bleiche Todt mit seiner kalten Hand

Dir endlich mit der Zeit umb deine Brüste streichen/

Der liebliche Corall der Lippen wird verbleichen;

Der Schultern warmer Schnee wird werden kalter Sand/

Der Augen süsser Blitz/die Kräffte deiner Hand/

Für welchen solches fällt/die werden zeitlich weichen/ Das Haar/das itzund kan des Goldes Glantz erreichen/

Tilgt endlich Tag und Jahr als ein gemeines Band.

Die wohlgesetzte Fuß/die lieblichen Gebärden/

Die werden theils zu Staub/theils nichts und nichtig werden/

Denn opfert keiner mehr der Gottheit deiner Pracht.

Diß und noch mehr als diß muß endlich untergehen/

Dein hertze kann allein zu aller Zeit bestehen/

Dieweil es die Natur aus Diamant gemacht.

Wenn man allein dem Blick des lyrischen Ichs folgt, erkennt man das erotische Interesse des männlichen lyrischen Ichs und die körperlichen Vorzüge der Frau in seinen Augen. Das hat durchaus etwas Voyeuristisches. Der Blick beginnt bei den Brüsten, geht über die Lippen, die Schultern, die Augen, um dann hinunterzufahren zu den Händen, dann geht es wieder zu den - nota bene: Goldes Glantz -blonden Haaren, dann zu den Füßen. Wenn man diese Blickführung, wie sie ohne Scheu über diesen weiblichen Körper streift, charakterisieren sollte, so könnte man sagen, dass sie bewusst potenziell erogene Zonen im wahrsten Sinne ins Auge fasst.

Nun kommt aber eine Besonderheit hinzu. Man könnte dies ja nun als eine erotische Gafferei eines Mannes abtun, wenn das lyrische Ich diese Erotisierung nicht dem Tod selbst zusprechen würde. Daraus entfaltet sich ein Argument: Dieses erotische Spiel des Todes ist nicht ungefährlich, es ist geradezu tödlich. Die erste Geste ist sehr eindrucksvoll. Der Tod streichelt die Brüste der Frau. Die folgenden Verse machen in der für die Barocklyrik typischen Figur von Oxymora, also der Zusammenstellung von Gegensätzen, deutlich, dass die Erotisierung zugleich mit Vergänglichkeit verbunden wird. Die roten Lippen werden bleich, die Schultern erkalten usw. Die Erotisierungen entstammen einer Form der Liebeslyrik und lyrischen Anrede der geliebten Frau durch einen liebenden Mann, wie man sie beispielsweise aus der Liebeslyrik des Petrarca und der ihm folgenden Liebeslyrik kennt, die man daher auch unter den Begriff des Petrarkismus subsumiert. Die Frau ist und bleibt unerreichbar. Das Ziel der Rede ist Überredung, also die Überwindung jenes Zustandes, den sie sich selbst verdankt. Neu und typisch für die deutsche Barocklyrik ist jedoch, dass diese Rede in den Schatten des Todes gestellt wird. Der erotische Lobpreis geschieht immer unter dem Gesichtspunkt der titelgebenden Vergänglichkeit der Schönheit und damit des Todes selbst.

Ja, mehr noch, der Tod selbst tritt als Figur auf. Und damit entsteht eine zeitlich genau strukturierte Dreierkonstellation. Was die Frau dem Mann, dem lyrischen Ich jetzt versagt, wird sie in der Zukunft einem anderen erotischen Partner nicht mehr versagen können, nämlich dem Tod selbst. Damit stehen der Mann und der Tod in einem Konkurrenzverhältnis um die Frau. Und da die Frau sich später dem Tod ohnehin nicht verweigern kann, täte sie - in der Argumentationslogik dieses Gedichtes - gut daran, sich eben jetzt schon dem Manne hinzugeben. Das memento mori wird hier zu einem erotischen Appell. Nur das Herz unterliegt nicht der Vergänglichkeit, und das ist umso schlimmer. Das bedeutet aber im Umkehrschluss: Jedes memento mori muss in ein carpe diem umschlagen. Nur was vergänglich ist, ist liebens- und begehrenswert. So ist dieses Gedicht auch ein wunderbares Beispiel, wie in der Barocklyrik Poesie und Rhetorik Zusammenwirken.

 
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