Ist Literatur ein eigenständiges Medium?

In Lessings Schrift Laokoon oder über die Grenzen der Mahlerey und Poesie aus dem Jahre 1766 werden eine Medientheorie und eine Medienkomparatistik avant la lettre entwickelt, wenn man den spezifischen Bezugspunkt, die die jeweilige Kunstbetrachtung hat, auf ihren entsprechenden medialen Grund zurückführt. In der Tradition bis zu Lessing wurden vor allem das Zusammenspiel und der Wettstreit der Künste (Paragone) herausgehoben. Lessing wandte sich nun gegen diesen - wenn wir es einmal so nennen wollen - Medientransfer zwischen Literatur und Malerei. Er zieht eine klare Grenze, um die Spezifika von Malerei, aber vor allem von Literatur weiter herauszuarbeiten. Dabei geht es ihm vor allem darum, die Literatur von der Idee zu befreien, sie würde nur aus der Malerei erwachsen (wie bei Horaz: ut pictura poesis). Ja, mehr noch: Lessing will ein Potenzial der Literatur offenkundig machen, das ihr sogar mehr Möglichkeiten zuschreibt als der Malerei.

Ähnlich wie mit der Malerei verhält es sich mit der Plastik und der Skulptur. Lessing wendet sich in diesem Zusammenhang auch gegen die Position von Johann Joachim Winckelmann (1717-1768), der 1755 einen sehr wirkungsmächtigen Aufsatz herausgebracht hatte: Gedanken über die Nachahmung der Griechischen Werke in der Malerei und Bildhauerkunst. Er hat darin die Formel «edle Einfalt und stille Größe» ausgegeben und damit vor allem auf die Kunstvorstellungen der Klassik vorausgewirkt. Lessings Laokoon ist Fragment geblieben, weil Lessing seine Überlegungen nicht in eine solche monographische Form bringen konnte. Lessing betont ausdrücklich in seiner Vorrede, dass sein Laokoon in «zufälliger Weise entstanden, und mehr nach der Folge meiner Lektüre, als durch die methodische Entwicklung allgemeiner Grundsätze angewachsen» sei. Wenn in der griechischen Plastik ein Paradigma von Kunst vorliegt, wie kann Lessing dann dagegen noch der Literatur ein Eigenrecht als Kunst sichern und wie kann Literatur selbst noch dieses Paradigma übertreffen?

Man könnte sagen, dass Lessing hier nicht nur ganz Aufklärer, sondern geradezu moderner Medientheoretiker ist. Er begreift die Künste als Medien und kann deswegen vor allem auf das Zeitmanagement der beiden Medien - Literatur hier und Malerei (oder Plastik) dort - abheben. Literatur entfaltet sich sprachlich in der Zeit in einem Nacheinander ihrer sprachlichen Zeichen. Daher kann Literatur all das ausdrücken, was selbst in und mit der Zeit existiert, was also genuin zeitlich ist. Jede Handlung hat eine solche zeitliche Dimension, deswegen kann Literatur in allererster Linie Handlungen ausdrücken. Zwar kann auch die Malerei und die Plastik - wie nicht zuletzt die Laokoon-Gruppe, die in den Vatikanischen Museen steht, Handlungen darstellen, aber nur andeutungsweise, indem sie die Gegenstände so anordnet, dass ihre Veränderung im Raum erahnt werden kann. An der Laokoon-Gruppe wird dies besonders deutlich, geht es doch hier um einen ganz besonderen Moment, einen extremen Moment allergrößten Schmerzes. Sie zeigt den Todeskampf von Laokoon und seinen beiden Söhnen, die, nachdem sie gegen das trojanische Pferd einen Speer geschleudert hatten, von zwei von Athene geschickten Schlangen getötet wurden. Für Winckelmann wirddieser Moment zwar in der Plastik eingefangen, dabei aber auch schon wieder ethisch verklärt. Im Schmerz hat sich Größe zu zeigen. Mit Lessing könnte man dagegenhalten: Was die Statue darstellen will, kann sie nicht adäquat darstellen, weil sie Statue ist. Damit wird in Lessings Augen eine ethische Rechtfertigung für einen ästhetischen Sachverhalt nachgeliefert. Umgekehrt kann die Literatur nicht eigentlich Körper darstellen, sondern nur die Handlung. Und insofern müssten die beiden Medien sich vor allem auf ihr medienspezifisches Potenzial konzentrieren. Wo es allerdings um Fragen einer ästhetischen Darstellung des Ethischen, also schlichtweg um Handlungen, die als solche überhaupt erst ethisch beurteilt werden können, geht, kann die Literatur ihr Potenzial, eine Kunst in der Zeit zu sein, voll ausspielen. Damit leistet Lessing auch einer Autonomie der Literatur weiteren Vorschub.

 
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