Ist der Roman Psychologie oder die Psychologie ein Roman?

Die Aufklärung entwickelt auch die Idee, dass der Mensch eine innere Dimension hat und dass er mit der Welt in einem Innen/Außen-Verhältnis steht, das eben doch nicht ganz und vielleicht sogar ganz entscheidend nicht von Vernunft geprägt ist. Es entsteht die Idee einer Psyche als einer schwer durchschaubaren Gemengelage von Begierden und Trieben, von Interessen und einem häufig unbestimmten Willen. Und mit der Vorstellung der Psyche entsteht die Vorstellung einer Beschreibung der Psyche, entsteht die

Psychologie - nicht in unserem heutigen Sinne, sondern in dem Sinne, den Erfahrungsreichtum des Menschen zu schildern, der sich in diesem Innen/Außen-Verhältnis abbildet.

Karl Philipp Moritz (1756-1793) wird dieses Interesse an der psychischen Dimension des Menschen Erfahrungsseelenkunde nennen und ein Magazin begründen, das er von 1783 bis zu seinem Tode 1793 in zehn Bänden herausgibt. Es ist das erste Mal, dass ein wissenschaftliches Organ sich in dieser Breite und so explizit jenen Problemen widmet, die wir heute unter das Dach der Psychologie subsumieren würden. Es ist die erste psychologische Zeitschrift. Und in ihr werden in vielen Fallgeschichten Beispiele geschildert, wo das Innen/Außen-Verhältnis in eine Krise geraten ist. Die größte Fallgeschichte findet sich aber - wenn man es so sehen will - in einem Roman, der in vier Teilen zwischen 1785 und 1790 veröffentlicht worden ist: Anton Reiser. Er führt ausdrücklich die Gattungsbezeichnung «Ein psychologischer Roman». Es ist ganz offensichtlich, dass Moritz wohl eigene Erfahrungen unterschiedlichster Art verarbeitet hat. Doch den Roman als autobiographisches und damit vielleicht - wie man meinen könnte -besonders authentisches psychologisches Dokument zu lesen, verschließt den Blick auf die eigentliche Leistung. Tatsächlich ist hier die Erfahrungsseelenkunde psychologischer Roman geworden.

Der Roman erzählt die Jugend seines Titelhelden. Es ist eine Sozialisationsgeschichte, also eine Geschichte, in deren Fokus die Frage steht, wie denn dieser Junge Teil der Gesellschaft werden kann. Dazu gehören in einem bürgerlichen Zeitalter vor allem Fragen der Schule, Ausbildung und individuellen Förderung. Dieser Roman jedoch legt sein Schwergewicht auf die Spiegelungen, die äußere Umstände in der Erfahrung dieses Jungen hinterlassen, und in diesem Sinne ist der Roman ein einzigartiges psychologisches Dokument. Die Ausgangsbedingungen für den jungen Anton Reiser sind denkbar schlecht. Seine rigiden und bigotten Eltern sind nicht in der Lage, ihm Zuneigung oder Anerkennung oder auch nur ein bisschen Liebe zu schenken, was geradezu zwangsläufig dazu führt, dass der Junge kein Selbstwertgefühl ausbilden kann und daher zeit seines Lebens immer von dem einen Extrem einer untilgbaren Vorstellung der eigenen Minderwertigkeit ins andere Extrem einer Größenphantasie rutscht. In dieser Welt, in der es - die Eltern sind Quietisten - auf die Ruhe, die Abtötung von Leidenschaften ankommt, gibt es keinen Ausgleich, keine Vermittlung zwischen Aufbegehren und Unterwerfung. Der Junge selbst entwickelt sehr schnell ein vages Bewusstsein seiner emotionalen Benachteiligung und merkt, dass er sich verschließt und den Weg eher nach innen antritt. Dadurch entwickelt er aber auch intellektuelle Fähigkeiten, zum Beispiel im Lateinunterricht und in der Frage der Ausbildung des eigenen Gedächtnisses, die sich wiederum sozial ausnutzen lassen. Bildung ist ein Moment des persönlichen Fortkommens. Doch der Roman wäre kein psychologischer Roman, würde er nicht die psychische Dimension dieser Anstrengungen in Sachen Sozialisation aufzeigen. Zu den bittersten Stellen des Romans gehören jene Erfahrungen einer geradezu existenziellen Enttäuschung, wenn die verstärkte Bemühung um soziale Anerkennung durch die Autoritätspersonen zum Gegenteil führt, zu Enttäuschung, Herabsetzung und vor allem Missverständnissen. Damit leistet der Roman in ersten Ansätzen immerhin so etwas wie eine psychologische Kritik der Aufklärung, in dem er auf die Umstände eingeht, die dem aufklärerischen Mythos von einer Selbstbefreiung aus der Unmündigkeit im Inneren des Menschen, in seinen psychischen und emotionalen Dispositionen entgegenstehen. Und so kann man immerhin in zwei Richtungen fragen: Ist der Roman ein Medium für die Psychologie, oder ist die Psychologie das Sujet für den modernen Roman? Und man kann sagen, dass beides gleichermaßen gilt.

 
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