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8.2.5. Einschätzung der Repräsentativität der Unterrichtsstunden

Im Rahmen von Videostudien stellt sich immer die Frage, inwiefern diese Unterrichtsstunde repräsentativ für den alltäglichen Unterricht sein kann (vgl. 7.2.1), gerade wenn – wie im Fall der PERLE-Videostudien – der Unterricht in einem Fach nur einmalig aufgezeichnet wird und den Lehrpersonen inhaltliche Vorgaben zur Gestaltung der Stunden gegeben werden. Natürlich ist davon auszugehen, dass der Großteil der Lehrpersonen sich auf die Stunde gut vorbereitet und sich bemüht, eine dem eigenen Verständnis von gutem Unterricht entsprechende Stunde zu zeigen. Im Allgemeinen wird daher davon ausgegangen, dass jede Lehrperson den ihr bestmöglichen Unterricht realisiert. Unterschiede zwischen den Lehrpersonen sollten daher dennoch bestehen bleiben. Eventuell fällt einigen Lehrpersonen jedoch das Agieren vor Kameras schwerer als anderen, sodass einige Lehrpersonen dadurch nicht ihr volles Potenzial entfalten können. Die trotzdem vorhandene Varianz in der Unterrichtsgestaltung und Unterrichtsqualität (vgl. Kapitel 10 „Studie 2: Gestaltung von Leseübungen“) deutet aber insgesamt darauf hin, dass der für jede Lehrperson individuell bestmögliche Unterricht sich im interindividuellen Vergleich dennoch ausreichend unterscheidet, um auf das allgemeine unterrichtliche Verhalten der Lehrpersonen schließen zu können.

Um speziell für die PERLE-Videostudie im Fach Deutsch Näherungswerte zur Repräsentativität der videografierten Unterrichtsstunden zu erhalten, können Aussagen der Lehrpersonen aus Interviews herangezogen werden. In diesen Interviews, die mit den Lehrpersonen direkt im Anschluss an die videogerafierte Unterrichtsstunde geführt wurden, wurden die Lehrpersonen befragt, inwiefern sie die Stunde als typisch einschätzen und ob die Videografie des Unterrichts einen Einfluss auf das Verhalten der Lehrkraft selbst und der Schülerinnen und Schüler gehabt habe. Es liegen Interviewaussagen von insgesamt 46 Lehrpersonen vor. Hier ist zunächst festzustellen, dass 39 Lehrpersonen (84.78 %) den videografierten Unterricht selbst für repräsentativ halten, während nur sieben Lehrkräfte (15.22 %) den Unterricht als nicht oder nur teilweise repräsentativ einschätzen. Fünf der sieben Lehrkräfte, die ihre videografierte Stunde selbst als eher nicht typisch einschätzen, erläutern ihre Aussage genauer und gehen dabei meist auf die Situation der Bilderbuchrezeption ein: Eine Lehrperson erläutert, dass sie keine Vergleichsmöglichkeiten habe, da zum ersten Mal eine „Buchvorstellung“ gemacht wurde, kann sich aber vorstellen, „dass (dies) ein Grundgerüst in Zukunft so sein wird.“ Eine andere Lehrperson gibt an, in anderen Deutschstunden „ganz wenige solche frontalen Einführungen (zu) machen, weil (sie) wirklich fast individuell nur arbeiten“. Auch die dritte Lehrkraft gibt an, dass lediglich die Bilderbucheinführung anders gewesen sei als der sonstige Unterricht („War anders, weil sonst, wenn eine Geschichte vorgelesen wird oder so, lese ich nicht so viel an einem Stück vor. […] Sonst läuft alles genauso.“). Die vierte Lehrkraft äußert, dass durch die Thematik der Bilderbucheinführung der Unterrichtsrhythmus anders gewesen sei: „Normalerweise ist der Unterricht noch kleinschrittiger. Also wir sagen eigentlich immer 10 Minuten dafür, 10 Minuten dafür und so weiter. Also immer im 10-Minuten-Rhythmus. Das war jetzt heute ein bisschen anders, allein schon durch das Bilderbuch. Ich wollte es jetzt aber auch nicht auseinander reißen.“ Lediglich eine Lehrperson bezieht sich darauf, dass es unüblich sei, „dass es jetzt eine Doppelstunde war, man hat dann doch schon gemerkt, dass es zum Schluss von der Konzentration her dann nachließ“. Insgesamt kann daher festgehalten werden, dass keine der Lehrpersonen explizit aussagt, dass speziell die Phase der Leseübung im alltäglichen Unterricht anders gestaltet werde.

Auf die Frage, ob die Videografie das eigene Verhalten oder das Verhalten der Lernenden im Vergleich zum alltäglichen Unterricht nach eigener Einschätzung verändern würde, äußern 32 der 46 Lehrpersonen nicht explizit, dass die Situation der Kameras einen Einfluss gehabt hätte. Weitere drei Lehrpersonen sagen explizit, dass die Kameras die Unterrichtssituation nicht beeinflusst hätten. So äußert eine Lehrperson beispielsweise, dass sie es „sehr schön (fand), dass sie [die Schülerinnen und Schüler] sich gar nicht weiter von den Kameras beirren lassen haben.“ Eine weitere Lehrperson ist selbst positiv überrascht: „Ich fand es toll, also ich habe auch gedacht, dass die Kinder das mehr stört die Kameras, aber man hat es eben gesehen, wenn sie dann arbeiten, dann konzentriert sind, dass sie das eigentlich gar nicht mehr wahrnehmen und so ging es mir eigentlich auch.“ Und auch die dritte Lehrkraft „habe gestaunt, dass die Kinder sich haben nicht ablenken lassen.“ Acht andere Lehrkräfte gehen insgesamt von Unterschieden im Vergleich zur Normalsituation aus, die allerdings als sehr unterschiedlich stark bewertet werden. Während einige Lehrpersonen die Lernenden tendenziell als zurückhaltender wahrnahmen („Die Kinder waren anders als sonst. Die waren einfach stiller, die waren auch so ein bisschen zurückhaltend, fand ich.“), bemerken andere eher eine gewisse Aufregung („Ja, die waren alle schon irgendwie aufgeregt und auch aufgekratzt.“), die jedoch größtenteils als nicht gravierend beschrieben wird: „Sie waren doch insgesamt etwas unruhiger, es war doch dann jetzt durch Sie jetzt, durch die Technik und so. Aber nicht schlimm, aber es ist doch eine Anspannung.“ Weitere drei Lehrpersonen nahmen Unterschiede zwischen den Schülerinnen und Schülern in ihrer Reaktion auf die Situation der Videografie wahr. Eine Lehrperson beschreibt zunächst die von ihr wahrgenommene Reaktion eines Mädchens: „Bei dem Mädchen, die fühlte sich durch die Kamera in ihrem Rücken, fühlte die sich unter Druck gesetzt. Ja? Die ist sonst schneller und auch spontaner, wenn man sie fragt. Also die war, die hat die ganze Zeit gewusst, die Kamera ist da. Es ist bei anderen Kindern ist mir das nicht so aufgefallen. Nur bei ihr.“ Bezogen auf einen anderen Schüler äußerte sie: „Ja, kann durchaus sein, dass er sich getraut hat, weil er schon wieder vergessen hatte, dass dort Kameras laufen.“ Eine weitere Lehrperson schätzt ein, dass die Unterrichtsstunde „im Großen und Ganzen (…) nichts komplett Anderes“ zeigt als der alltägliche Unterricht.

Diese Ergebnisse aus den Interviews sind lediglich Selbsteinschätzungen, deren Prüfung im Rahmen der vorliegenden Studie nicht möglich ist. Weitere Möglichkeiten, um Rückschlüsse auf die Repräsentativität des videografierten Unterrichts zu ziehen, wären beispielsweise Analysen zum Zusammenhang der Unterrichtsbeobachtungen mit weiteren Daten wie verschiedenen Schülervoraussetzungen und der Klassenkomposition, der Leistungsund Persönlichkeitsentwicklung der Lernenden oder verschiedenen Lehrerkompetenzen und Lehrerüberzeugungen. Ergeben sich hier bedeutsame Zusammenhänge, kann dies als Hinweis dafür gewertet werden, dass mit den Unterrichtsbeobachtungen kein einmaliges oder unsystematisches Verhalten erfasst wird. Auch diese Analysen sind nicht Bestandteil der vorliegenden Arbeit, wurden aber teilweise bereits präsentiert oder veröffentlicht (z B. Lotz & Lipowsky, 2014) und sollen im Rahmen von Anschlussfragestellungen weiter verfolgt werden (vgl. 12.2).

 
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