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9. Studie 1: Operationalisierung und videobasierte Erfassung kognitiv aktivierender Leseübungen

Studie 1 fokussiert auf die Operationalisierung und reliable videobasierte Erfassung kognitiv aktivierender Leseübungen auf Basis des in Kapitel 6 vorgestellten Modells. Dazu werden zunächst die Fragestellungen konkretisiert. Anschließend wird das methodische Vorgehen bei der Videoanalyse beschrieben. Darauf folgt die Darstellung der Ergebnisse, in deren Rahmen alle entwickelten Kategoriensysteme in ihrem Aufbau beschrieben und die Ergebnisse der Überprüfung der Beobachterübereinstimmungen bzw. der Reliabilität berichtet werden. Abschließend werden die Ergebnisse und das methodische Vorgehen diskutiert.

Im eigentlichen Sinn enthält diese erste Studie das methodische Vorgehen für die gesamten Analysen der vorliegenden Arbeit. Da aber bereits die Entwicklung und Erprobung der Instrumente eigene Fragestellungen (nach der Operationalisierung kognitiver Aktivierung sowie der reliablen und objektiven Auswertung) beantworten sollte, wird dieser Teil als eigene Teilstudie dargestellt. Die beiden weiteren Studien bauen auf der ersten Studie auf und nutzen für die Analysen die im Rahmen der ersten Studie entwickelten Instrumente.

9.1. Fragestellungen

„Die Deutschdidaktik sollte schnell Anschluss finden an die Debatte über Unterrichtsqualität.“

(Bremerich-Vos, 2009, S. 339)

Trotz immer wieder vorgebrachter Forderungen nach einer stärkeren Kooperation zwischen Deutschdidaktik und pädagogisch-psychologischer Unterrichtsforschung (z. B. Bremerich-Vos, 2002; Helmke, 2009; Kammler & Knapp, 2002) liegen bislang kaum Studien vor, die sich mit der Erfassung von Unterrichtsqualität im schriftsprachlichen Anfangsunterricht beschäftigen. Untersuchungen von Helmke und Weinert (1997c) liefern aber Hinweise darauf, dass fachübergreifende Merkmale der Unterrichtsqualität zwar als Grundlage eines erfolgreichen Unterrichts bedeutsam sind, die Effekte des Fachunterrichts jedoch nicht ausreichend erklären können. Um die Diversität der Fächer und Fachgebiete angemessen zu berücksichtigen, ist es daher unabdingbar, fachübergreifende und fachspezifische Kriterien und Analyseinstrumente zu kombinieren (vgl. auch Kleinbub, Helmke, Heyne, Merten & Schrader, 2007). Vorliegende Studien zum Schriftspracherwerbsunterricht fokussieren selten Merkmale der Unterrichtsqualität wie sie in der empirischen Lehr-Lern-Forschung betrachtet werden, sondern untersuchen eher das Vorkommen und die Auswirkungen von spezifischen Lehr-LernKonzepten.

Im Rahmen dieser Arbeit wird versucht, einen Beitrag dazu zu leisten, diese Forschungslücke zu verkleinern. Es wird – basierend auf dem in Kapitel 6 dargestellten konzeptuellen Modell – untersucht, wie sich das Unterrichtsqualitätsmerkmal kognitive Aktivierung für den Leseunterricht des ersten Schuljahres operationalisieren lässt.

Das Hauptanliegen der ersten Studie besteht darin, Instrumente für die videobasierte Analyse von Leseübungen im Deutschunterricht des ersten Schuljahres zu entwickeln, die zum einen eine präzise Beschreibung einzelner Merkmale kognitiver Aktivierung ermöglichen und zum anderen Aussagen zur Qualität des Unterrichts zulassen. Es soll daher zunächst folgende Frage beantwortet werden:

Wie in Kapitel 7.2.2 dargestellt, lassen sich niedrig, mittel und hoch inferente Beobachtungssysteme unterscheiden, die unterschiedliche Aussagekraft sowie jeweils Vorund Nachteile besitzen. Um die Möglichkeiten beider Verfahren zu nutzen, wird je nach fokussiertem Qualitätsmerkmal entschieden, welche Methode sich zu dessen Erfassung am besten eignet. Ziel der systematischen Unterrichtsbeobachtung ist die Entwicklung von Beobachtungssystemen, mit deren Hilfe man möglichst unabhängig von der Person der Beobachtenden zu ähnlichen Ergebnissen kommt (Objektivität). Wenn jeder Auswerter mit der Anwendung der Kategorienoder Ratingsysteme vertraut ist und auch über den Verlauf der Kodierungen hinweg zielsichere Entscheidungen trifft (Reliabilität), so ist auch die Wahrscheinlichkeit höher, dass die Beobachtenden untereinander übereinstimmen. Da die Objektivität und die Reliabilität zentrale Voraussetzungen für die Verlässlichkeit der Beobachtungsdaten sind, stellt sich weiterhin folgende Frage:

Im Folgenden wird das methodische Vorgehen beschrieben.

 
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