Warum wird ein Mensch zum Verbrecher?

Die Literatur interessiert sich sehr für Verbrecher und Verbrechen. Das Kriminalsujet gehört zu den wichtigsten Themen der Literatur neben Liebe und Sexualität, Individuum und Gesellschaft, Tod und Sterben. Immer schon gab es eine forensische Neugier am Verbrechen und mithin am Abseitigen, Perversen und Kranken der Gesellschaft. Daraus resultiert eine enge Verwandtschaft zwischen Jurisprudenz und Literatur. Es gibt einen Bereich, da haben es beide mit Verbrechen zu tun, weil ihnen darum zu tun ist, verbrecherische Taten aufzuklären und durchschaubar zu machen. Sammlungen von Verbrechensdarstellungen gibt es eine Reihe in der Literaturgeschichte, zum Beispiel den berühmten Pitaval. Francois Gayot de Pitaval (1673-1743) hatte eine zwanzigbändige Ausgabe von Strafrechtsfällen herausgegeben. Noch heute hat dieses Genre Konjunktur, wenn man beispielsweise an die Erzählungen des Strafverteidigers Ferdinand von Schirach in unseren Tagen denkt (Verbrechen 2009, Schuld 2010).

Schon Schiller hatte 1786 eine Erzählung unter dem Titel Verbrecher aus Infamie, später mit Verbrecher aus verlorener Ehre überschrieben, veröffentlicht, die auf einen wahren Kriminalfall und mehrere Berichte darüber zurückgeht. Dasselbe macht im 19. Jahrhundert Annette von Droste-Hülshoff (1797-1848): Sie greift ebenso einen historischen Kriminalfall auf, in den ihre Vorfahren sogar als Gerichtsherren involviert waren. Es ging dabei um den Mord an einem Juden; dieser war 1782 von dem Knecht Hermann Winkelhanns bei Paderborn im Wald erschlagen worden. Der Onkel der Droste veröffentlichte 1818 einen umfassenden Bericht unter dem

Titel Geschichte eines Algierer-Sklaven. Der Titel spielt auf den Umstand an, wonach der seinerzeit Schuldige nach der Tat geflohen ist und 24 Jahre durch die Welt irrte, unter anderem in Algerien in Sklaverei geriet. Als er in seine Heimat zurückkehrte, erhängte er sich bald danach.

Schon bei Schiller wird ein modernes Interesse am Verbrechen deutlich. Es geht darum herauszubekommen, warum jemand zum Verbrecher wird. Dabei werden erstmals psychische und soziale Faktoren in Rechnung gestellt. Für Schiller war der verbrecherische Charakter interessanter als der gute, und diesen Umstand musste er in Verbindung mit einer Vorgabe bringen, der zufolge Kunst auch Moral durchzusetzen hatte. Gerade am Verbrecher, so seine Überlegung, könnte man die Funktionsweise eines Menschen studieren, daher seien diese verbrecherischen und bösen Charaktere für die Kunst so wichtig. Wo es bei ihm noch um einen Einblick in den inneren Mechanismus des Menschen ging, hatte sich der Blick im 19. Jahrhundert schon gewandelt. Und ein schönes Beispiel dafür ist die Novelle der Droste, Die Judenbuche, die 1842 erstmals erschien. Sie trägt den Untertitel Ein Sittengemälde aus dem Gebirgichten Westfalen, der von der Droste selbst stammt, den heute bekannten Haupttitel hat der Verleger treffsicher über den Text gesetzt. Diese Novelle erzählt die Geschichte des Friedrich Mergel, der 1738 geboren wurde. Er ist ein Kind aus ärmlichsten und schwierigsten Verhältnissen. Erzählt wird in dieser Geschichte, wie im Zusammenspiel des sozialen Milieus, der fehlenden Erziehung, aber auch der Eingebundenheit in die Umgebung, die Landschaft und die Natur, sich ein verbrecherischer Charakter entwickeln kann. Nachdem Mergel von Aaron auf einer Hochzeit gedemütigt wurde, als dieser die Schulden eintreiben will, tötet er diesen und flieht. Die Juden kaufen den Baum, unter dem Aaron getötet wurde, und bringen eine hebräische Schrift an. Sie lautet: «Wenn Du Dich diesem Orte nahest, so wird es dir ergehen, wie du mir getan hast.» Das ist zugleich der letzte Satz der Novelle, der zuvor schon auf Hebräisch abgedruckt war. So kommt es auch: Mergel kehrt nach 24 Jahren - in der Tat: abgemergelt - zurück und erhängt sich an der sogenannten

Judenbuche. Das ist das Spannende und zugleich Zeittypische dieser grandiosen Erzählung aus dem 19. Jahrhundert. Hier scheint ein mysteriöses Fatum zu walten, die den Täter an den Ort seiner Tat zurücktreibt, um ihn dort sühnen zu lassen. Doch was es mit diesem Fatum auf sich hat, wird vom Text nicht beantwortet. Der Text bleibt bei der äußeren Wirklichkeit und macht gerade dadurch Bedingungsfaktoren hinter dieser Wirklichkeit sichtbar.

 
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